Das Ausstellungsprojekt
Sechs international renommierte Künstlerinnen und Künstler wurden vom Kunstverein Münsterland eingeladen, Skulpturen und Installationen in die durch Coesfeld fließende „Berkel“ zu platzieren. Sämtliche Arbeiten beschäftigen sich formal und inhaltlich mit dem Thema "Wasser" und den damit verbundenen Assoziationsfeldern. Die Künstlerinnen und Künstler erhielten zur Aufgabe, den Landschaftsraum durch markante Interventionen neu und bewusster erlebbar zu machen. Den Besuchern und Einwohnern der Stadt soll sich damit ein neuer Kunst- und Erlebnisraum öffnen, der sowohl die Kunst im öffentlichen Raum als auch den Naturraum auf neue, bislang unbekannte Weise erfahrbar macht.
Zur Verfügung steht den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern der Verlauf der in Coesfeld angelegten Umflut entlang des viel frequentierten und landschaftlich äußerst reizvollen Süd- und Schützenwalls sowie ein kleinerer, in unmittelbarer Umgebung zur Städtischen Turmgalerie aufgestauter Teich.
Begrenzt wird der Flusslauf der Berkelumflut zu beiden Seiten von zwei markanten Punkten: dem Kunstverein Münsterland und der Städtischen Turmgalerie Walkenbrückentor. Beide Orte sind aufgrund ihrer lokalen und funktionalen Bedeutung in das Ausstellungsprojekt integriert und dienen als weitere Ausstellungsorte. Hiermit wird den Besuchern die Möglichkeit eröffnet, das Werk der beteiligten Künstlerinnen und Künstler über den im Freiraum platzierten Beitrag hinaus durch präsentierte Bilder, Skulpturen und Objekte eingehender kennen zu lernen.
"Wasserwerke" ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Kunstverein Münsterland e.V., der Stadt Coesfeld, Coesfeld & Freunde e.V., Sparkasse Westmünsterland, GWK, Stadtwerke Coesfeld GmbH, Städtischem Musikverein Coesfeld e.V., Heimatverein Coesfeld e.V., gefördert und unterstützt durch Industrie, Handwerk, THW Ortsverband Coesfeld, Freiwilliger Feuerwehr Coesfeld, TSC Coesfeld.
Die Künstler im Kunstverein Münsterland
Bei den ausgewählten Künstlerinnen und Künstler handelt es sich sowohl um international renommierte Protagonisten des aktuellen Kunstgeschehens als auch um einen Studierenden der Kunstakademie Münster bzw. regional ansässige Künstler, die durch ihre Beteiligung am Projekt eine Förderung erfahren.
Ausgewählt wurden Dai-goang Chen, Nabo Gaß, Gereon Lepper, Anita Lernet, Robert Schad und Antje Smollich. Sämtliche eingeladenen Künstler besitzen eine nachhaltige Erfahrung in der Platzierung von Kunstobjekten im öffentlichen Raum.
Nabo Gaß
Nabo Gaß’ bevorzugter Werkstoff ist das Glas. Gaß, der über die leuchtenden Kostbarkeiten des Florentiner Doms zur Glasmalerei und dem ihr zugrunde liegenden Werkstoff fand, zählt zu den Künstlern, die innovative Perspektiven im Umgang mit dem Glas aufzeigen und zugleich sich von dessen rein ästhetischer Erscheinungsweise zu lösen versuchen, um literarische, philosophische, existenzielle und gesellschaftsbezogene Darstellungsaspekte in die Gestaltung mit einfließen zu lassen. Seine aus Glaswerke verändern sich mit der Umgebung und dem Licht. Sie korrelieren: Der Hintergrund und die gesamte Umgebung wachsen in das Bild und das Bild in den umgebenden Raum.
Der Bild.Er.Finder Gaß stößt in der durchdesignten Bilderwelt des Alltags beständig auf visuelle Fundstücke, die er zum Ausgangspunkt seiner Kompositionen macht. Indem er sich häufig auf aktuelle gesellschaftsrelevante Themen bezieht und diese in einen ästhetischen Kontext überträgt, operiert Gaß an der Schnittstelle zwischen soziokultureller, ethischer und ästhetischer Weltbetrachtung.
"Short Moments" Installation 2006
Nur im kurzen Augenblick von ein bis zwei Sekunden kann Glas in 800 Grad heißem Zustand geformt werden. Kurze Momente genügen, über unser Leben zu entscheiden: Liebe, Entstehung neuen Lebens, Zerstörung von Schönheit durch Unfall oder Kriege... In der Arbeit von Nabo Gaß zeigt diese Facetten des Lebens. Unter der Schönheit des Glases verbergen sich auf Spiegeln Gesichter von Kindern, die durch Kriegsverletzungen gezeichnet sind. Wunden und Narben können wir sehen, wenn wir bereit sind. Das Pendel richtet sich im Lot aus. Wenn die Menschheit diesem Bild folgen und den Zustand der inneren Ausgeglichenheit und Ruhe erreichen könnte, bräuchen wir keine Kriege zu führen.
Gereon Lepper
"Babette"
Das Werk des Bildhauers Gereon Lepper ist der beweglichen Skulptur gewidmet. Seine Kunst verstört mit ihrer stummen Sperrigkeit, der mechanischen Perfektion und dem wohl definierten Einsatz von technischen Apparaturen, Materialien und Hilfsmitteln. Motoren, Druckluft, Hydraulik
und angewandte, in selbst konstruierte und gebaute Maschinenwesen umgesetzte Naturgesetze vermitteln dem Betrachter anschaulich ein Gefühl dafür, dass es häufig einfach zu greifende und in einen anderen Bereich umsetzbare Naturgesetzmäßigkeiten sind, die die Welt bestimmen und bewegen. Zugleich versöhnt Leppers Kunst mit einem Hauch poetischer Rätselhaftigkeit und Faszinationskraft. Der "Vergessene Wächter" zeigt das Geheimnis der Existenz - die perfekt ausbalancierte Ausgeglichenheit von Ruhe und Bewegung. Diese erschließt sich dem flüchtigen Auge des Betrachters keineswegs sofort. Hierzu bedarf es vielmehr einer eingehenden Betrachtung.
Gereon Lepper ist ein romantischer Künstler und Philosoph, der spielerisch den Dingen auf den Grund zu gehen sucht und den Betrachter dazu verleitet, über sich und seine Existenz nachzudenken. In seiner Kunst werden grundlegende Elemente des Lebens sichtbar.
Antje Smollich
Bildobjekte
Antje Smollich hat in ihrer Kunst zu einer singulären und charakteristischen Bildsprache gefunden, die in mehrfacher Hinsicht die Übereinkünfte und Grenzen herkömmlicher Malerei überschreitet. Ihre Werke sind zwischen Tafelbild und Objekt angesiedelt. Auf einen Bildträger - Sperrholz, Spanplatte oder Acrylglas - trägt Smollich weißen oder farbigen Binder bzw. Kleber auf, der eine farbige Acrylglasplatte fixiert. Bei der Positionierung der Platte nimmt sie Maß an dem Bildträger und verschiebt sie mit einer einzigen Bewegung in die Horizontale oder Vertikale, manchmal auch in beide Richtungen. Über die farbige Acrylglasplatte werden unter Umständen weitere farbige Platten gelegt, bei deren Positionierung sie sich wiederum an der Trägerplatte als Ausgangswert orientiert.
Smollichs Strategie der einfachen und eindeutigen Gesten verunklärt und verrätselt das Bild-Objekt. Durch die Verschiebungen werden malerische Linien auf. In der Interaktion mit dem Binder oder Kleber changieren die Farben des Acrylglases. Smollichs Werke hängen nicht nur an der Wand, sondern erscheinen angelehnt und von der Wand in prekärem Gleichgewicht abgewinkelt, so dass Krümmungen und Wölbungen des Materials eintreten, die die einstmals starre Physiognomie des Werks verändern und den Betrachter durch die eintretenden Spiegelungseffekte mit ins Bild holen.
Die Installationen "Cascade" und "Vagues" nehmen in äußerst abstrahierter Form den Fließcharakter des Wasserfalles auf oder schematisieren die Wellenbewegung. Sie bilden eine Allianz zwischen dem natürlichen Lauf des Wassers und der eigenen Objektform. Die reale Fließbewegung des Wassers wird durch die Kunst zum bewussten visuellen Erlebnis.
Die Künstler in der Städtischen Turmgalerie Walkenbrückentor
Dai-goang Chen
"Modelltisch"
In Dai-goang Chen plastischen Arbeiten geht es um die Verschränkung von aktuellen Tendenzen der Bildhauerkunst mit einem spezifisch koreanisch geprägten Kulturhorizont. Die Werke des Künstlers beziehen ihre besondere Faszinationskraft aus der Aufladung der rohen, aus einfachen, „armen“ Materialien gefertigten, skulpturalen Form mit zum Teil religiösen und geistig motivierten Ausdruckswerten.
Dai-goang Chens Skulpturen begnügen sich damit nicht mit einer rein ästhetisch greifbaren Präsenz, sondern folgen - durchaus einem aktuellen Begriff von Skulptur verpflichtet - der Idee einer Benutzbarkeit durch den Betrachter, der sich im Gehen und Betreten der Form die psychischen und sinnlichen Erscheinungsweisen erschließt.
Dai-Goang Chen studiert seit 2000 an der Kunstakademie Münster bei Maik und Dirk Löbbert
Anita Lernet
"Texte von..." und "Seismogramme"
Texte inspirieren Anita Lernet, Stimmungen und Gefühle grafische Darzustellen. Innere Reaktionen werden in den Seismogrammen und Papierarbeiten sichtbar. Der Inhalt des Textes spielt keine Rolle mehr nach der Entstehung des Bildes. Der Prozess ist entscheidend.
Anita Lernets Installation „Raindrops II“ besteht aus einer schmalen transparenten Kunststoffbahn, auf der in loser Folge rechteckig geformte, rote Acrylglasscheiben aufgebracht sind. Der Kunststoff wird als Trägermaterial unsichtbar. Auf der Wasseroberfläche liegend, scheinen die in der Sonne glitzernden und schimmernden Glasplatten geradezu frei im Wasser zu schweben. Je nach Betrachterstandpunkt verändern sich die Farben und Transparenz der auf das Wasser aufgebrachten Glasstücke. Der Rhythmus des Wassers gibt dabei das jeweilige Erscheinungsbild der künstlerischen Arbeit vor, die sich mal den Wellen, Strömungen und der Fließgeschwindigkeit sanft schaukelnd anpasst, dann wiederum als konkrete farbige Markierung den Verlauf des Flusses linear nachzeichnet. Die Installation verändert im Lauf der Zeit ihre äußere Erscheinung. Blüten, Blätter und leichtere, vom Wasser mitgeschwemmte Ablagerungen verfangen sich auf der Oberfläche, so dass Kunst und Natur allmählich zu einem untrennbaren Ganzen verwachsen.
Robert Schad
"Murin", "Lerrik", "Nole"
Robert Schads bildhauerisches Werk kreist um die bildnerische Visualisierung von elementaren formalen Gegensätzen und Spannungen. Unter Einsatz von genormtem, technisch hergestelltem Vierkantbaustahl sucht Schad den Dialog zwischen offener und geschlossener Form, zwischen linearer Bewegung und massiver Statik. Die kantigen Metallstäbe sind im Feuer geschwärzt. Aus der besonderen Art der Bearbeitung und Behandlung des Materials ergeben sich eine aus harten Kanten, sperrigen Richtungsänderungen und abgewinkelten Linien bestehende Formen, die die makellos gerundete Form weitgehend ausspart. Trotz ihres tatsächlichen Gewichts vermitteln Schads Skulpturen den Eindruck von Leichtigkeit und Transparenz. Sie sind durchlässig für den Raum, geben den Blick frei auf ihre Umgebung. Der Raum wird damit selbst zum Erlebnis, unabhängig von der bewusst initiierten Relevanz möglicher inhaltlicher Deutungen. Robert Schad bewegt sich mit seinen Skulpturen im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Erzählung. Dem Künstler geht es um die optisch motivierte Aktivierung von gefühlsgesteuerten Assoziationen. Seine Skulpturen verweisen stets auf den Bezug zur eigenen, menschlichen Gestalt. In dieser Hinsicht erscheinen seine Arbeiten als plastische Versinnbildlichungen eines „konstruktives Körperdenkens“, das mit seinen skulpturalen Manifestationen auf den Verlauf möglicher Bewegungen und darüber hinaus auf die spannungsreiche Existenz psychischer Zustände verweist.
Jutta Meyer zu Riemsloh M.A.
zu Jahresgaben