Normalnull

 

Ende der 1930er Jahre prägte der ungarische Filmtheoretiker Béla Balázs den Begriff der "Immersion" als Eintauchen in eine künstliche Welt durch Auflösung der räumlichen Grenzen. „Der Film hat dieses Prinzip der alten räumlichen Künste - die Distanz und die abgesonderte Geschlossenheit des Kunstwerkes - zerstört. Die bewegliche Kamera nimmt mein Auge, und damit mein Bewußtsein, mit: mitten in das Bild, mitten in den Spielraum der Handlung hinein. Ich sehe nichts von außen. Ich sehe alles so, wie die handelnden Personen es sehen müssen.“[1] Foto und Film, und die Bildübertragungssysteme der postindustriellen Revolution öffneten das Tor in das Universum des technischen Bildes [V. Flusser], das in den letzten 20 Jahren eine rasante Entwicklung genommen hat. Hoch spezialisierte Techniken moderner Medien des digitalen Zeitalters bieten zeitgenössischen Künstlern die Möglichkeit, real anmutende, nie geschaute Welten und Objekte von ungeahnter Präzision oder dreidimensionaler Ausprägung zu kreieren. Künstler bewegen sich heute im Spannungsfeld eines interdisziplinären Austauschs zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft. Denn das durch moderne Medien erzeugte Bild hat Wahrnehmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten im Bildraum, traditionelle künstlerische Gattungen, ebenso wie die Sozialgeschichte der Rezipienten entscheidend erweitert und verändert.

 

Stefan Fahrnländers Arbeiten entstehen an der Schnittstelle zwischen den „Denkstrukturen“ der klassischen Malerei und den Möglichkeiten technisch generierter Bildproduktionen, denn seine gestalterische und formgebende Vorgehensweise im Computer-Programm entspricht in seiner Grundstruktur der tradierten Malerei: Nur das handwerkliche Medium ist ein Neues: Die Bildschirmoberfläche ersetzt die weiße Leinwand, die Maus den Pinsel. Aus einem systematisch angelegten, abgespeicherten Fundus von einzelnen Objekten, Oberflächen, Fotosplittern, Strukturen, Farben und Texturen erfolgt der dreidimensionale Aufbau der Bilder am Computer. Seit der Erfindung der Perspektive in der Renaissance, versuchen Künstler der Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen und auf einer zweidimensionalen Fläche ein räumlich wirkendes Bild zu erzeugen. 3-D Computersoftware ermöglicht nun dem Künstler den „Zutritt“ in das eigene Bild und den virtuellen Gang durch die erschaffenen Szenerien. Reale und imaginäre Dimensionen durchdringen sich und erzeugen eine besondere Ästhetik der bildgestaltenden Elemente. Die Möglichkeiten der Interaktion im virtuellen Raum bieten zudem erweiterte Sichtweisen und ermöglichen eine höhere Intensität der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Themenkomplex. „Die Ästhetik der Immersion ist eine Ästhetik des Eintauchens, ein kalkuliertes Spiel mit der Auflösung von Distanz. Sie ist eine Ästhetik des empathischen körperlichen Erlebens und keine der kühlen Interpretation. Und: sie ist eine Ästhetik des Raumes, da sich das Eintaucherleben in einer Verwischung der Grenze zwischen Bildraum und Realraum vollzieht.“[2]

Mit der Ausstellung „Normalnull“ würdigt der Kunstverein Münsterland das Werk Stefan Fahrnländers, der das Tafelbild und die Zeichnung als traditionelle Bildformen in ein modernes technisches Medium überführt und damit zu einer Positionierung der Malerei im modernen Zeitalter digitaler Bildgenerierungen und Intermedialität beiträgt. Stefan Fahrnländers Werk zeichnet sich durch einen hohen ästhetischen Anspruch, einer ihm eigenen bildimmanenten und ikonografischen Sprache aus, die den authentischen Duktus des Künstlers trotz der Möglichkeiten technisch reproduzierbarer bildlicher Vielfalt beibehält.

 

 

Jutta Meyer zu Rimsloh M.A.



[1] Vgl.Béla Balázs, „Zur Kunstphilosophie des Films (1938)“, in: F.-J. Albersmeier (Hg.), Theorie des Films, Stuttgart 1995, S. 215.

[2] Vgl. Laura Bieger, Ästhetik der Immersion. Bielefeld 2007, S. 9.