Der Kunstverein Münsterland zeigt mit
seiner aktuellen Ausstellung neue Bilder und Fotografien der Berliner
Künstlerin Sabine Dehnel (geb.
1971). Dehnels Werk beschreibt den Weg einer intermedialen Recherche über das
Wesen und die Mechanismen der Wahrnehmung. Ihre Arbeiten stellen Fragen nach
dem Realitätsgehalt von Medienbildern und damit nach deren Glaubwürdigkeit und
Authentizität im Hinblick auf das in der Erinnerung gegenwärtig Erlebte.
Malerei, inszenierte Fotografie und
Bühnenbildnerei bilden die Basis eines künstlerischen Anspruchs, der darauf
zielt, über Neuinszenierungen von Momenten weitreichende Einsichten in den
durch Bilder gespeisten Begriff von Wirklichkeit zu vermitteln. Den
Ausgangspunkt für Dehnels künstlerische Arbeit bildet ein anonymes Amateurfoto
mit dem jeweils ein bestimmter Moment festgehalten ist. Triviale, häufig mit
Nostalgie behaftete Alltagsszenen rücken plötzlich wieder ins Bewußtsein, indem
die Künstlerin diese zunächst in Malerei überführt. Zur Verwendung gelangt
dabei nicht die Bildvorlage als Ganzes, sondern immer jeweils nur ein
bestimmter Ausschnitt. Die so ins Bild gesetzten Ansichten fungieren als
Versatzstücke einer von der Künstlerin erinnerten Szenerie, die durch ihre
Übertragung in Malerei eine komplexe Bildwelt aus realen Erinnerungsfetzen und
nachträglich hinzuassoziierten Details entstehen lassen. Die Transformation der
mit dem Ausgangsfoto behafteten Bildinformationen in das Medium der Malerei
verläuft nie deckungsgleich, sondern wird stets begleitet von einer Hinzufügung
oder dem partiellen Verlust an ursprünglichen Bildinformationen. Die wie ein
Film im Kopf ablaufenden Erinnerungen werden aus ihrer Eigenzeit buchstäblich
herausgeschnitten, das momenthafte Geschehen erscheint eingefroren wie bei
einem Standbild. Die reine Rekonstruktion von Erinnerungen ist damit einer
Neukonstruktion des Erlebten gewichen, an dessen Ende das gemalte Bild eine
vielschichtige Antwort auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Malerei und
Fotografie bei der Fixierung fiktiver oder real erlebter Augenblicke
formuliert.
Dehnels Fotografien beschreiben einen
weiterführenden Schritt auf dem Weg einer Untersuchung über den Realitätscharakter
von Bildern. Die in ihrem Gemälde dargestellte Situation wird nun selbst zum Anlaß
für deren fotografische Neuinszenierung. Die Künstlerin stellt dazu eine reale
Person in ein von ihr geschaffenes Bühnenbild, das der auf dem Ausgangsfoto
festgehaltenen Umgebung nachempfunden ist. Dem entsprechend werden Kleidung und
Requisiten angefertigt und die Haut des Modells mit Farbe geschminkt. Ähnlich
wie die Malerei, zeigen auch die anschließend gefertigten Fotos die aufwändig
inszenierte Situation lediglich im Anschnitt.
Sabine Dehnels Fotografien
dokumentieren den Versuch, sich an den Kern allen Erinnerns heranzutasten und
die Ausdrucksqualität der dabei entstehenden Bilder weiträumig auszuloten.
Malerei und Fotografie stehen in ihrem Werk nicht im Wettstreit zueinander, sondern
beide ergänzen sich in ihrer Aussage über die Wahrhaftigkeit, Wahrnehmung und
Konstruktion medial vermittelter Wirklichkeiten.
Uwe Schramm
zu Jahresgaben