Eine der
ältesten Kulturtechniken der Menschheit erlebt in den letzten Jahrzehnten eine
neue Blüte. Experimentelles Arbeiten, neue innovative technische Möglichkeiten
und die Auseinandersetzung mit Tendenzen zeitgenössischer Bildhauerei und
Plastik bewirken, dass Künstlerische Keramik zunehmend in der Kunst der
Gegenwart wahrzunehmen ist. Namhafte nationale und internationale Künstler,
Maler oder Bildhauer, setzen sich mit den gestalterischen Möglichkeiten
gebrannten Tons auseinander und entdecken die „Keramik“. Auch Petra Bittl
gehört zu den jungen Künstlerinnen, die im Genre „Keramik“ ihr künstlerisches
Ausdruckspotenzial finden.
Petra Bittls Arbeiten erwachsen aus einer intensiven
Verbindung von Zeichnung und Malerei mit dem Material Ton. Die ästhetische
Durchdringung von plastischem Arbeiten und malerischen Gestaltungsweisen weist
über die rein materielle Formgebung hinaus. Untrennbare formale und inhaltliche
Zusammenhänge entstehen innerhalb der keramischen Plastik oder einem
Porzellanmalgrund, der anstelle einer Leinwand oder eines Papieres tritt.
Bittls bildhauerischer Ansatz definiert sich hauptsächlich
über die Linie als formgebendes, grafisches und gliederndes Element. Linien
strukturieren Oberflächen und bringen Formen und Farben in Bewegung. Linien
schwingen infolge der dem Material eigenen lebendigen Oberfläche in sich. Sie
durchziehen und charakterisieren die Oberfläche der Objekte oder führen
richtungsweisend von der Zwei- in die Dreidimensionalität, indem sie als
plastische Ausgestaltung fortgeführt werden und damit vom Umraum Besitz
ergreifen. Das Medium „Keramik“ ermöglicht vielfältige Varianten innerhalb der
Gestaltungsmöglichkeiten der Linien. Linien entstehen durch Glasurmalereien,
Ritzungen oder Einbringung von unterschiedlich farbigen Tonsorten, wie z. B.
weißes Porzellan in fast schwarzen Bauton. Das absolut reine feine weiße
Porzellan steht in belebtem Kontrast zu den grobkörnigen farbigen Tonarten. Die
Linie bestimmt das äußere Erscheinungsbild der Form und durchbricht die
Geschlossenheit der Oberflächen. Ihre bewegte Struktur versetzt den Blick des
Betrachters ebenfalls in Bewegung, erschließt ihm das Ausdruckspotenzial.
Der Werkkomplex der Porzellankacheln definiert die
keramische Form als Malgrund und Träger der Malerei und Zeichnung. Kacheln,
vertraute dekorative und funktionale Elemente, in industrieller Produktion
mannigfach reproduzierbar, verlieren ihre Gebrauchsfunktion und werden einer
künstlerischen Intention zugeführt. Sie offenbaren abstrakte Bilderwelten, die
sich thematisch mit der Natur oder dem Dekor selbst auseinandersetzen. Im
Umdruckverfahren, vergleichbar mit einer Monotypie, erstellt Petra Bittl
Zeichnungen und malerische Komponenten in Schichtungen auf eine Gipsplatte und
überträgt diese dann auf Porzellan. Es entstehen Unikate, denn dieser Vorgang
ist nicht wiederholbar. Das keramische Material lässt jedoch auch hier die
Freiheit der Kombination mit plastischen Strukturen, zusätzlichen Objekten oder
Durchbrüchen.
Offene Hohlformen scheinen auf den ersten Blick ambivalent.
Den klassischen Gefäßformen entlehnt, erschließen sie sich als menschliche
Körper in textilen Gewandungen, die schreitend oder verharrend, alleine oder zu
zweit, vom Raum
Besitz ergreifen. Auch hier gliedern Linien, Bänder und
Einschnürungen die Figur und sind Ausdruck für Bewegung oder Ruhe. Die fein
strukturierten reliefartigen Oberflächen führen jedoch das keramische Material
in eine neue, ihr nicht naturgegebene Charakteristik – nämlich einer textilen
Stofflichkeit und fließenden Weichheit.
Petra Bittls künstlerisches Interesse gilt auch der
Auslotung des Grenzbereiches der Keramik zwischen Stabilität und Fragilität.
Mit konzeptionellem Kalkül und großer Sensibilität entstehen Gebilde aus
Liniengeflechten. Das massive Material Ton wird in große Leichtigkeit
überführt. Stränge und Durchbrüche filtern das Licht und geleiten den Blick in
die Tiefe. Im Wechselspiel von Licht und Schatten wird die Ausformung der
Oberfläche bewusst erfahrbar. Das harte Material erscheint weich und
anschmiegsam. Das künstlerische Einwirken bleibt in allen Arbeiten präsent, sei
es durch den Duktus der gestaltenden Hand oder die Offenlegung
gestaltungstechnischer Prinzipien.
Petra Bittl wählt den Umgang mit dem Werkstoff Keramik und
den Prozess der handwerklichen Produktionbewusst als künstlerischen Weg im Sinne einer ästhetischen
Materialerforschung. Ihre Arbeiten beziehen ihre Integrität und Ausdrucksformen
nicht in der Entwicklung neuer Techniken, sondern im Spannungsfeld von
spezifischer Grenzerfahrung mit dem Material "Keramik" an sich und
der engen Anbindung an Zeichnung und Malerei.