Heimlich Hinterrücks

Die Motivwelt der Bilder von Martin Streit (geb. 1964, lebt in Köln und Andernach-Kell) ist vergleichsweise unspektakulär. Das gegenständliche Arsenal, an dem er seine künstlerischen Ambitionen entfaltet, sind Kugeln, Schalen und voluminöse Behältnisse. Vorgetragen in intimen Formaten zielt seine künstlerische Geste nicht auf eine erscheinungsgetreue Wiedergabe der Realität, sondern sie bringt eine Form der Wahrnehmung auf den Weg, die sich über den konkreten Gegenstandsbezug hinaus eigenständig entwickelt, entfaltet und bewegt. Erreicht wird diese Aktivierung des Sehens durch ein besonderes malerisches Ausdrucksvermögen. Die künstlerische Darstellung, die Gestaltung von Licht und Farbe stehen nicht im Dienst einer Klärung und Herleitung gegenständlicher Zusammenhänge. Sie lassen die Gegenstände vielmehr als ein »als ob« in Erscheinung treten. Formen erscheinen und vergehen im Licht unserer Blicke. Dabei nähert sich der Künstler der dinghaften Erscheinung im Bewußtsein ihrer Unerreichbarkeit.

Dennoch schaffen seine Bilder bemerkenswerte Seherlebnisse. Hintergrund und Vordergrund, Objekterscheinungen und deren farbiger Kontext verschmelzen zu einer einzigen optischen Ebene. Aus der Farbe heraus bilden sich Raum und Körper, lösen sich auf und entstehen neu unter. Körper verändern ihre äußere Erscheinung, feste Strukturen verwandeln sich zu biomorphen Phänomenen. So erscheint Martin Streits Bildwelt in permanenter Veränderung. Im Verschwimmen und der Vereinigung der Formen, in ihrem erscheinungshaften Werden und Vergehen materialisiert sich eine Metamorphose aller sichtbaren Phänomene. Festzuhalten scheint das Bild nur einen von vielen möglichen Aggregatzuständen der Dinge. Im nächsten Moment jedoch verändert sich diese Welt und offenbart ein anderes Antlitz der Zeit.

Streits Malerei weckt Erinnerungen an die Realität und entzieht sich gleichzeitig jeder Art einer realitätsnahen Darstellung. Seine Bilder beschreiben eine eigene Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die sich durch das Sehen jedesmal wieder neu bildet. Aus Streits Bildern spricht die Gewissheit des Malers, daß die Welt der sinnlichen Erscheinungen keineswegs eine feste, definitive und klar konturierte ist, sondern eine Welt, die einem permanten Wandel und der dauerhaften Veränderung unterworfen ist. Entsprechend verändert auch die Malerei beständig ihr vom Künstler geschaffenes Erscheinungsbild. Ihre Präsenz wird erst durch das von der Farbe motivierte Sehen vervollständigt ohne je zu einem wirklichen Ende gebracht zu werden. Streits Malerei stellt Fragen über die sinnliche Erfahrbarkeit der Welt. Diese Malerei plädiert für einen permanenten Austausch von sinnlichem Erkennen und bewußtseinsgesteuerter Verarbeitung und damit für einen offenen, immer wieder neu zu ordnenden Begriff von Wirklichkeit.
Auch seine in jüngster Zeit entstandenen Fotografien arbeiten an dieser Unschärfe der gegenständlichen Gewißheit. Ebenso wie die Malerei lassen sie sich nie abschließend betrachten und setzen damit ein kreatives Sehen in Gang, das zu immer wieder neuen Erkenntnissen über den Zustand und die Beschaffenheit der materiellen Welt führt.

Uwe Schramm

 

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