Gesehene Linien
Bilder und Zeichnungen
Martin Noëls filigrane Zeichnungen verdanken ihre Entstehung der sensiblen Wahrnehmung eines Künstlers, der sich mit wachem und forschendem Blick an die visuelle Erkundung des Ungesehenen, Unscheinbaren und scheinbar Belanglosen begibt. Noëls Aufmerksamkeit gilt den Rissen in Wänden, dem aufgeplatzten Strassenbelag oder dem bizarren Muster einer zerborstenen Fensterscheibe. Mit dem neugierigen, zwischen Stadt und Land, Himmel und Erde umherschweifenden Blick eines Flaneurs befragt der Künstler die Bildwürdigkeit von Kinderkritzeleien auf einer Hauswand, von linear aufragenden Zweigen und Ästen. Beim Aufspüren dieser optischen Fundstücke spielt der Zufall die Rolle eines verläßlichen Komplizen. Ihm allein und nicht der planvollen Suche verdankt der Künstler seinen schier unerschöpflichen Fundus an sehend gesammelten Wirklichkeitssplittern, die wie durch einen Trichter gebündelt den Weg über den Zeichenstift auf das Papier finden und damit überhaupt erst zu einer sichtbaren Form gerinnen. So entstehen zarte, vibrierende Linienstrukturen, die sich scheinbar schwerelos über dem transparent-milchigen Untergrund bewegen, manchmal seltsam ungelenk oder emotional aufgeladen wirken und sich geradezu trotzig einer direkten Nähe zur wiedererkennbaren Wirklichkeit widersetzen.
Martin Noël ist ein Sammler, dem es um die Zeichen und Zeichnungen des Lebens geht. Seine Zeichnungen verhelfen dem Augenblick zu einer dauerhaften Präsenz. Sie dokumentieren das Gesehene, indem sie es filterlos und unmittelbar in ein graphisches Archiv überführen, das sich zugleich Blatt für Blatt als ein feinsinniger Seismograph des Sehens offenbart.
Uwe Schramm
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