From landscape to abstraction

Seit mehr als zwei Jahrzehnten bildet das Reisen im Werk des Düsseldorfer Künstlers Mario Reis (geb. 1953) einen konstitutiven Bestandteil. Reis‘ Interesse gilt dabei weniger den Spuren menschlicher Kultur und Zivilisation als vielmehr dem Fluß des Wassers durch die Landschaft. Mit seinen installativen Eingriffen in die fließenden Abläufe der Natur sucht Reis, etwas vom wahren Wesen des Wassers zu fixieren. Der Fluß wird für ihn zum Medium und Material zugleich. Seine Strömung fungiert als eine Art Pinsel, sein Material sind die Farben der Natur.

Maßgebliche Entscheidungen, die der Künstler im Vorfeld seiner Interaktion mit dem jeweils ausgewählten Fluß trifft, beziehen sich auf die Dauer, sowie den Ort und Zeitpunkt der Installation. Als „Malfläche“ dient ihm ein auf hölzernen Keilrahmen gespanntes Baumwolltuch, das er an einer bestimmten Stelle des Flusses im Wasser versenkt. Lose fixiert durch eine dünne Kordel tanzt die so präparierte Leinwand im Spiel der Strudel, Wirbel und Strömung. Die Dauer einer solchen Installation reicht von eingen Stunden bis zu mehreren Tagen. Bisweilen werden auch Steine auf dem Holzrahmen plaziert, um der Strömung eine bestimmte Richtung zu geben und die Ablagerungen der vom Fluß mitgespülten Sedimente nachhaltig zu beeinflussen. Schnell fließende Flüsse hinterlasen meist feine, fast luzide Tönungen; die langsamer fließenden Flüsse schichten oft dickere, opake Ablagerungen auf den Tüchern auf. Einige transportieren, Gestein und Erde, andere wiederum organische Materialien in Form von Algen, Gräser und Pflanzen, die sich auf den Tüchern absetzen. Nach Ablauf einer festgesetzten Zeitspanne werden die Leinwände wieder dem Fluß entnommen, vom Holzrahmen abgespannt und in ihrem gegenwärtigen Zustand fixiert.

Reis‘ Naturaquarelle sind voller Anspielungen, und gerade daraus beziehen sie ihre starke Wirkung. In ihrem gegenwärtigen Zustand sind sie unwiederholbare Unikate. Mit jedem dieser Arbeiten werden die Lebensmuster der jeweiligen Flüsse auf der Leinwandoberfläche sichtbar, mal in kräftigen, dann wiederum in zarten, fast transparenten Farbwerten. Als materialisierte Bestandteile eines größeren, im Fluß befindlichen Naturprozesses eröffnen die Naturaquarelle dem Betrachter die Möglichkeit, Zeit als existenzielles Phänomen bewußt zu erleben, sie durch das Medium des Bildes zu erfahren, entweder als Dauerstrom, sobald man sich das Prozessuale ihrer Entstehung vergegenwärtigt, aber auch als fixierte und durch das Material verdichtete Zeitspanne.

Uwe Schramm

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