„Kunstakademie MS x 4“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Kulturforums Rheine, des Kunstvereins Münsterland e.V., Coesfeld, der Galerie Münsterland e.V., Emsdetten, der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen und der Kunstakademie Münster.

Das dezentral angelegte Ausstellungsprojekt hat sich zur Aufgabe gesetzt, an vier unterschiedlichen Standorten die Klassen der von der Kunstakademie Münster neu berufenen AkademieprofessorInnen Guillaume Bijl, Katharina Fritsch, Andreas Köpnick und Maik und Dirk Löbbert vorzustellen. Darüber hinaus erhält mit diesem Ausstellungsprojekt die Tradition der Vernetzung und Bündelung von kultureller Interessen und Ambitionen eine erneute Auflage.

Aus Sicht der Veranstaltergemeinschaft besteht der Sinn des Ausstellungsprojekts darin, kulturelle Umbrüche innerhalb der Region aber auch innerhalb einer Institution - hier in der Kunstakademie Münster - zu dokumentieren und diese Umbruchsituation als Chance zu definieren, der neuen, jungen und noch unetablierten Kunst ein geeignetes Forum zu bieten und gleichzeitig die mit dem Umbruch verbundenen Visionen produktiv für das kulturelle Profil und Engagement des eigenen Standorts zu nutzen.

Während die ersten beiden, bereits zu Jahresbeginn präsentierten Ausstellungssegmente die Klassen von Katharina Fritsch und Maik und Dirk Löbbert in Rheine bzw. Emsdetten zeigten, werden nun parallel die letzten beiden Segmente in Coesfeld und Schöppingen mit den Klassen von Andreas Köpnick bzw. Guillaume Bijl eröffnet.

 

Die Ausstellung der Münsteraner „Fylmklasse“ von Andreas Köpnick - eine Klasse für „Film, Video und Neue Medien, wie die offizielle Betitelung lautet - vereint verschiedene Bereiche der künstlerischen Produktion. Neben analoger und digital manipulierter Fotografie finden sich raumgreifende Videoinstallationen, kinetische Objekte, Textkunst, Filmstills und Klanginstallationen. In den siebziger Jahren von Lutz Mommartz gegründet, hat die Klasse seither wie ein Laboratorium oder eine Forschungsstation die Entwicklung der Bildmedien mitbegleitet, mitgedacht und mitreflektiert. Der Übergang vom analogen Film zum digitalen Video, von der narrativen Erzählstruktur zum nichtlinearen Hypertext wird als Spannungsfeld begriffen, das für Wechselwirkungen und Vernetzungen aller Art bis heute offen ist. In diesem Sinne ist das „y“ in der inoffiziellen Klassenbetitelung als eine freie Variable gedacht, als ein nicht näher bestimmter Unsicherheitsfaktor, der das System - wie auch immer -lebendig erhält. (Andreas Köpnick)

 

Andrea Meschedes dreiteiliges Fotoensemble besteht aus eingefrorenen Szenen eines Films, den die Künstlerin selbst gedreht hat. Nahaufnahmen, Detailansichten und ungewöhnliche Perspektiven ergeben eine sprunghafte Aneinanderreihung von Eindrücken. Der linere Erzählstrang der Ursprungshandlung ist zerstückelt und in scheinbar zusammenhanglose Einzelsegmente untergliedert, die der Betrachter selbst zu einer Geschichte zusammenfügen kann.

Fotografien prägen auch das künstlerische Werk von Sken Zanos und Il-Woo Lee. Während Zanos dem Betrachter Einblicke in die alltägliche Umgebung anonymer Camper gewährt und dabei gleichsam mit dem Auge eines Malers Innenräume voll individueller Identität fixiert, läßt Il-Woo Lee mit seiner in Rom aufgenommenen Fotoserie den Einzelnen aus der anonymen Masse der Großstadt heraustreten. Verbindendes Element ist die akzentuierte Geste der Dargestellten, die mit ausgestrecktem Arm auf etwas, das sich offenbar außerhalb der abgeschlossenen Bildwelt befindet, hindeuten.

Als Ausgangsmaterial für seine Fotoarbeiten verwendet Markus Strij typische Fotografien aus pornographischen Magazinen. Mit Hilfe des Computers werden die Akteure mit Kleidung und Asseccoires versehen, die Strij aus Versandhauskatalogen entnimmt. Der Betrachter vernimmt eine latente Unstimmigkeit innerhalb des Bildgeschehens, ohne seine Irritation beim Anblick der in künstlicher Farbigkeit erstrahlenden Fotografien sofort benennen zu können. Ein bildgewordenes Spiel des Künstlers mit dem Begriff Wirklichkeit.

Auch Matthias Fechner Videoinstallation „Sonnenaufgang“ treibt ein ironisches Spiel mit wirklichkeitsprägenden Begriffen. Auf einem Monitor ist eine künstlich gebaute Hügellandschaft zu sehen, über die eine „Sonne“ im Zeitraffertempo hinwegstreift und die Szenerie in ein süßlich-irrales Licht taucht. Vor dem Monitor sich ein Kopfkissen nebst Laken und Bettdecke sowie eine im Wachstum begriffene Sonnenblume. Doch die Idylle trügt. Bei der „Sonne“ handelt es sich in Wahrheit um eine Tischlampe und würde man sich zu Bett begeben, so fiehle der Blick keineswegs durch ein Fenster auf einen fabelhaften Sonnenaufgang, sondern nur auf eine Mattscheibe mit künstlich inszenierter Wirklichkeit. Das Medienschauspiel und die real gegebenen Versatzstücke der Installation verbinden sich zu einer autonomen Wirklichkeitswelt.

In überdimensionalen Diarahmen präsentiert Stefan Silies von einem Fotolabor entwickelte und anschließend vergrößerte Filmstreifen, die eigene Filmdokumente mit fremden, von anonymen Filmern stammende Filmenden verbinden.

Eine fast surreale Verschränkung von emotional unterschiedlich besetzten Kontexten erreicht Judith Maria Stücker Videoinstallation. Auf marodem Mobiliar platzierte Bildschirme zeigen parallel das Tröpfeln von Kaffe in eine Kaffekanne sowie ein undurchdringliches Gewirr kleiner Insekten. Die Inszenierung einer typisch alltäglichen Frühstückssituation wird mehrfach gebrochen und durch das Eindringen eigentlich unzusammenhängender Bilder zu einem absurden Ensemble.

Mit ihrer raumgreifenden Videoinstallation „Down/Under“ führt Regina Pantel den Betrachter in den sumpfigen Bereich kindlich ursprungshafter Ängste und Verunsicherungen. Mit schwankender Kamera wird ein taumelnd-gehetzter Gang treppab in ein Kellergewölbe festgehalten, während zeitgleich auf einem Monitor eine Häuserfassade im gespenstisch aufzuckenden Licht einer Polizeilampe zu sehen ist. Monotone Geräusche und ein sich ständig wiederholender Kinderabzählreim lassen im Zusammenspiel mit den bewegten Bildern eine dichte Atmosphäre unterschwelliger Bedrohung und Gewalt entstehen.

Till Nachtmanns kinetische Installation „Hotel Welcomely“ führt den Betrachter in das „Land der kleinen Zeichen“. Mehrere, mittels Siegelmotoren in Rotation gebrachte Ringe hängen an unterschiedlichen Höhennieveaus von der Decke. An ihnen sind beschriebene Papierstücke befestigt. Der zugrunde liegende Text erzählt die Geschichte eines Besuchers in einer ihm fremden Umgebung, dem Land der kleinen Zeichen. Mit der beschriebenen Fremdheit der Umgebung korrespondieren die Fotografien einer traurig, trostlos-verlassenen belgischen Strandlandschaft. Die beschriebene Fremdheit des Erzählers verschränkt sich hier mit der des Betrachters, der, vor der Installation stehend, immer nur Teile der an ihm vorbeiziehenden Textbänder und der darauf fixierten Erzählung zu erfassen vermag, ohne damit wirklich „heimisch“ in der aufgefächerten Erzähllandschaft zu werden.

Die Zeit scheint stillzustehen in Adriane Wachholz Videoinstallation „Wüste“. Kurzfristig unterbrochen wird der Blick in eine karge Wüstenlandschaft nur durch das Auftauchen von zwei Personen, die in Zeitlupentempo aufeinander zugehen, bei der kurzen Begegnung innehalten, um sich danach wieder einander vorbei auf den Weg zu begeben. Die Wüste füllt sich für einen kurzen Moment mit Leben, die wie eingefroren wirkende Landschaft wird mit Dynamik und Vergänglichkeit erfüllt, um kurz darauf wieder in ihre ursprungshafte Unberürtheit zurückzuversinken.