Klasse Jannis Kounellis

Eines des wesentlichen Kennzeichen der Bildhauerklasse von Jannis Kounellis an der Düsseldorfer Kunstakademie ist der außergewöhnliche Formereichtum, mit dem einige häufig wiederkehrende Themen künstlerisch umgesetzt werden.

Der Blick auf das Wesen der Dinge bildet eines der zentralen Motive im künstlerischen Werk von Judith Maria Kleintjes (geb. 1963). Ihre Kunst bewegt sich abseits jeder spektakulären Geste. Statt dessen wird mit den meist kleinformatigen Zeichnungen, Bildern und Objekten ein durchgehender Grundton vernehmbar, der den Arbeiten eine poetische Intensität und Ausdrucksfülle verleiht. Ihre besondere Ausdruckskraft schöpfen sie aus einer eher zarten und zurückhaltenden, von großem Assoziationsreichtum getragenen Formensprache, die den aufkeimenden Erinnerungen an scheinbar längst verlorengegangenen Daseinsempfindungen breiten Raum zur Entfaltung gewährt.

In den Film- und Fotoarbeiten von Katrin Loy (geb. 1969) erscheint die Wahrnehmung als das dominierende Thema. Bildüberlagerungen, verlangsamte Bildabläufe oder kreisende Bewegungen der Kamera führen zu einer tiefgreifenden Verunsicherung gewohnter Wahrnehmungsmuster, um ein bewußteres Erleben von Raum und Zeit zu erreichen. Durch ausschnitthafte Konzentrationen des in atmosphärisch dichten Schwarz-Weiß-Tönen gehaltenen Filmbildes gleitet die so beobachtete Wirklichkeit fast unmerklich in eine intensiv erlebbare Sphäre des Unbekannten und Fremdartigen, womit sich dem Betrachter völlig neue Einblicke in das Wesen der uns umgebenden Wirklichkeit bieten. Auch mit den jüngsten Fotoarbeiten gewinnt das Thema Wahrnehmung einen wirksamen Ausdruck. Zeichenhafte Elemente entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Ansammlungen menschlicher Körper, die sich an den Randbereichen der Fotografien zu einem schattenreichen, in sich bewegten Ornament verdichten. Die optische Wirksamkeit dieser dynamischen Bildmuster bewirkt eine tiefgreifenden Sensibilisierung des Blicks und zugleich eine intensive Bewußtmachung der durch die Fotografien evozierten Seherlebnisse.

Am Beginn der Malerei von Ulrike Rutschmann (geb. 1964) steht die Fotografie. Die Künstlerin fertigt zunächst fotografische Detailaufnahmen von menschlichen Gesichtern, um sich im nachfolgenden Prozess des Malens immer weiter von der konkreten Physiognomie ihres Modells zu entfernen. Mit jeder aufgetragenen Schicht von transparenten Lasurfarben steigt die Distanz der Malerei von der Individualität ihre Gegenübers. Bewusst hält sie das Verhältnis zwischen körperlich greifbarer Anwesenheit und einer sich den Sinnen allmählich entziehenden Gewißheit in einer fein ausbalancierten Schwebe. Von der jeweiligen Distanz des Betrachters zum Bild hängt es ab, in welchem Maße sich der körperlose Farbraum zur menschlichen Gestalt verdichtet oder sich gänzlich auflöst in ein Meer aus Licht und Farbe. Malerei bildet für Ulrike Rutschmann eine Art "Gratwanderung zwischen zwei Welten, einerseits der Welt des wirklich Existierenden, andererseits der Welt des nicht greifbar Unterbewußten. (...) Ich möchte die Gleichzeitigkeit einer Innen- und Außenwelt und die komplexe Vielschichtigkeit, die beide miteinander vereint, sichtbar machen."

Auch für die Bildhauerin Bärbel Schulte Kellinghaus (geb. 1965) wird der menschliche Körper zum zentralen Thema. Als Ausgangspunkt dient der Künstlerin die suchende Befragung der eigenen Körperhaftigkeit. Bärbel Schulte Kellinghaus richtet ihr Hauptagenmerk auf den menschlichen Körper als traditionelles "Maß aller Dinge". Mit ausgebreiteten Armen wird die Welt durchmessen und der Spielraum des Individuums durch persönliches Agieren und Reagieren auf äußere Einflüsse immer wieder neu bestimmt. In sich ruhend, geschlossen und dennoch, als räumlich definierte Gestalt, in Verbindung zur Außenwelt stehend, erscheinen die Skulpturen der Bildhauerin wie die modellhafte Visualisierung des Verhältnisses zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit, zwischen menschlicher Individualität und ihrer Verbindung zur Welt der sie umgebenden Wesen und Dinge.

Annett Weißenburger (geb. 1965) bewegt sich mit ihren Diaprojektionen im Grenzbereich zwischen Malerei und fotografischer Bildfindung. Ein Diapositiv wird als stehendes Lichtbild auf ein mit dem Pinsel direkt auf die Wand gemaltes Farbfeld projiziert. Sie wird zum Ort der Begegnung von materieller Gewißheit und flüchtiger Erscheinung. Die Projektion erfolgt bei Tageslicht. Der bildererzeugende Projektor befindet sich auf einem im Raum plazierten Sockel. "Die Bildfläche erhält einen räumlichen Bezug und obwohl der Betrachter vermutet, woher Licht und Abbild kommen, ist es wegen des Mischlichts nicht möglich", deren Herkunft eindeutig nachzuvollziehen. Die An- und Abwesenheit der Erscheinung steht in direkter Abhängigkeit zum jeweiligen Betrachterstandpunkt. Verändert sich dieser, verschwindet auch das mit Hilfe des Lichts durch den Raum getragene Bild auf der Wand. Zurück bleibt nur eine indifferente Farbfläche, die die Wand wie ein Fenster zur Tiefe hin öffnet.

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