Die Auseinandersetzung des Menschen mit dem ihn umgebenden  Lebensraum hat sich im Laufe der Jahrhunderte durch Einflüsse und Erkenntnisse aus Wissenschaft, Religion oder Philosophie gewandelt. Die bildende Kunst legt in anschaulicher Weise in  verschiedenen Darstellungen und künstlerischen Interpretationen Zeugnis ab von diesen unterschiedlichen Sichtweisen. Bleiben Malerei und Zeichnung im Illusionsraum der Fläche verhaftet, steht die dreidimensionale Plastik in realem Bezug zu dem sie umgebenden Raum. Die  Kunst des 20. Jahrhunderts hat diese Wechselwirkungen um den Aspekt der emotionalen Beziehung des  Menschen  zu dessen Umraum erweitet. Künstlerisch gestalteter Körper, menschlicher Leib und Raum bilden eine Symbiose.

Für den Tanz, als künstlerische Ausdrucksform menschlicher Befindlichkeiten, ist das Verhältnis zum Raum ebenso wie für die Skulptur von entscheidender Bedeutung. Bewegung wird zum gestalterischen Moment im Raum. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es bereits experimentelle gattungsüberschneidende Begegnungen zwischen bildhauerisch und choreographisch agierenden Künstlern. Zu nennen sind beispielsweise Edgar Degas, Auguste Rodin, Rainer Maria Rilke oder Hugo von Hoffmannstal, die glühende Verehrer des Tanzes waren. 
Die Ausstellung Körper-Leib-Raum präsentiert Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts, die sich in ihren Werken mit dem Thema Tanz auseinandersetzen. Sie zeigt gestalterische Parallelen, aber auch differenzierte Sichtweisen auf.

Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt mit dem Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, dem Märkischen Museum Witten und dem Stadtmuseum Bergkamen und wird gefördert durch das Kultursekretariat NRW Gütersloh.


Die Künstler

Samuel Beckett: Quadrat I und II, Stücke für das Fernsehen für vier Schauspieler, Beleuchtung und Schlagzeug. "In seinen Werken fürs Fernsehen erschöpft Beckett zweimal den Raum und zweimal das Bild. Worte wurden für Beckett immer unerträglicher" (Gilles Deleuze). "Und den Grund dafür, dass er sie immer schlechter ertrug, kannte er von Anfang an: es ist die besondere Schwierigkeit, 'ein Loch nach dem anderen zu bohren' in die Sprachoberfläche, damit endlich 'die dahinter liegenden Dinge' sichtbar würden." 

Thomas Fehiges Tänzer III (1985) transformiert die menschlichen Bewegungen eines Tänzers in eine mechanische. "Was für den anderen Farbe", so Fehige, "ist für mich die Bewegung." Fehige hat in seinem bisher verhältnismäßig kleinen Werk besonders der Verschmelzung unterschiedlicher Kunstgattungen große Aufmerksamkeit gewidmet, und bevorzugt auch hier den Tanz.

Alfio Giuffridas (A.G.Sinnwerke) raumgreifende Skulpturen, wie Element 1 (1995-2003), so der Choreograf Jochen Ulrich, "...sind Zeichen im Raum, meist beweglich und von einer bedrohlichen Härte und Schärfe, die wie Signale auf die Verletzlichkeit des Tänzerkörpers verweisen. Ihre rhythmische Struktur hat einen musikalischen Duktus, der durch das Element der Reihung entsteht. Form und Material transformieren das Thema und ergeben einen Raumklang, der Beunruhigung und Ruhe schafft und durch die Proportion dem Tanz eine neue Schönheit zuweist."

Harry Kramer, selbst Tänzer, schuf mit  seinen beweglichen Zwei Schwarze Bojen von 1968 kinetische Skulpturen, die durch ihre Eigenbewegung in enger Verbindung zum Tanz stehen. Sie sind Bewegungspartner und Handlungsaccessoires für den Phantasiebegabten Bewegungsmenschen.
 
Ursula Neugebauer beschäftigt sich in ihrer Arbeit Cancan  von 1996 mit der visuellen Wahrnehmung von Bewegung und Statik. Im Tanz der Pariser Bardamen lösen sich die in schnellen Impulsen hochfliegenden Beine in Licht auf, Feststehendes bleibt sichtbar.

Die Arbeiten Im (Goldenen) Schnitt I und II von Gerhard Bohner (Fassung von 1990) sind choreographische Dialoge mit den von den Künstlern Vera Röhm und Robert Schad für den jeweiligen Bühnenraum konzipierten Plastiken. Wo Vera Röhms Enviroment die Bewegungen des Tänzers außerordentlich konzentriert...", so Jochen Schmidt, "fransen die Lebensäußerungen des Choreographen in dem von Schad gestalteten Raum deutlich aus. Ein Verlust von Leben wird sichtbar, ein Sterben spürbar. Ein Totentanz begibt sich in den vierzehn Stationen eines christlichen Kreuzwegs." 

Timm Ulrichs setzt mit seinen Arbeiten Ein Wald auf Reisen, Auswandernder Wald und Wandernder Wald (1999) den ortsgebundenen deutschen Wald in ironischer Weise in Bewegung. Wahrnehmungsschärfung wird hervorgerufen in Form eines analytischen Blicks auf das Alltägliche und Herstellung von "falschen" Zusammenhängen. 
"Erfahrungen des Raumes benötigen die Dimension Zeit", so Peter Vogel, "und dies geschieht durch Bewegung. Bewegung des Körpers, sichtbar eine physische Äußerung ist in ihrer reinen Form zugleich auch Spiegel der Psyche." Die Nagoya-Klangwand (1991) ist "Aufforderung zum gleichzeitigen "Empfangen" und "Hervorbringen", dem Wechselspiel zwischen Sinnlicher Wahrnehmung und physischer Aktion. Ohne Aktion des Betrachters ist das Objekt tot, erst durch die Bewegung wird es zur Reaktion erweckt, diese wiederum fordert den Betrachter zu immer neuen Bewegungen heraus."

Peter Welz legt in seiner Arbeit Whenever on on on nohow on von 2004 eine Videoprojektion des Tanzfragmentes von Samuel Beckett  und Bewegungszeichnungen übereinander. Die Bewegung des Tänzers William Forsythe im Raum werden linear nachempfunden.

 

Jutta Meyer zu Riemsloh M.A.