"Wie hört sich das Klatschen einer einzelnen Hand an?"
Der Sinn eines der berühmten kôans des japanischen Zen-Meisters Hakuin aus dem 18.
Jahrhundert erschließt sich nur demjenigen, der fähig ist, den Fluss der
Gedanken für einen kurzen Augenblick zu unterbrechen. Schreck und Enttäuschung
über die scheinbare Absurdität des paradoxen kôan-Rätsels bewirken für Sekunden
ein Aussetzen des Verstandes, eine kurzzeitige Lösung von Bindungen an die
Realität, subjektiven Bewertungsmaßstäben und strukturellem Denken und nähert
sich intuitiv einem anderen, weiten, abstrakten Raumverständnis.
Der Titel der Ausstellung "In einem Nu" steht in
affirmativer Beziehung zur Intention des kôan. Der Begriff „Nu“ im Deutschenbeschreibt umgangssprachlich einen sehr kurzen
Moment, eben diesen sekundenschnellen Zustand des Überschreitens gedanklicher
Grenzen vom „Nichts“,„Sinn“ und„Sein“, den das kôan ebenfalls im Augenblick der
Fragestellung auslöst.
Die Welt, so wie sie sich uns darstellt, wird durch die modernen
Technologien und eine differenzierte Sprachfähigkeit eher erklärbar. Und doch
stellen sich die Zusammenhänge des Lebens komplexer dar- entziehen sich einer endgültigen Enträtselung. Jochen Stenschkes
Bildsprache formuliert jene Sinnfülle, die Worte nicht fassen kann, weil sie
ihre Bestimmung aus dem „Nu“, der Zeitspanne der Freiheit des Geistes bezieht.
Aus diesem Impuls erschließt der Künstler die bildnerischen Potenziale, die
jenseits der illusionistischen Realität liegen und den Betrachter in einen
Dialog einbeziehen, der weit über die Tragfähigkeit von gesprochener Sprache
hinausgeht.
Die Bestimmung der zunächst unbestimmten situativen Potenziale
in Verbindung mit Erkenntnissen hinsichtlich der menschlichen Existenz,
kultureller Traditionen und geistesgeschichtlichen Prägungen begründen die
Entwicklung einer individuellen Bildsprache. Motive, Linienstrukturen und
spezifische Formen legen die Beziehung zwischen Signifikat und Signifikant
fest. Ihnen ist jedoch eine „natürliche“ Gemeinsamkeit bzw. Ähnlichkeit zum
Darzustellenden eigen, die fast universale Wiedererkennbarkeit erlaubt. Im
Zusammenspiel – gleich Wörtern und Sätzen – bilden diese Icons die Syntax der
Bilder, die alle Werkkomplexe durchzieht. Sie eröffnen auf assoziativer Ebene
den Zugang zu Erinnerungen und sind Substitut für verborgene Sinnzusammenhänge.
Die Lesbarkeit von kollektiven Bildern als ganzheitlich umfassende, allgemein
verständliche Sprache begründet sich unter anderem aus einem Formenkanon, den
der Mensch, unabhängig von seinem Kulturkreis, von unterschiedlichen
Perspektiven des Lebens oder intellektuellen Prägungen generationsüberdauernd
in sich trägt.