Freiraum
Was
fasziniert so an den Arbeiten Irmgard Potthoffs?
Zunächst
trifft man auf ein relativ banales, wenig wertvolles und alltägliches Material,
das Zeitungspapier. Es gehört zu dem bevorzugten Medium künstlerischer
Auseinandersetzung Irmgard Potthoffs. Erfassung, Deutung und Beschreibung der
Realität ist heute weitgehend an Sprach- und Lesekompetenz gebunden. In
Sekundenschnelle ermöglichen digitale Netzwerke einen direkten
Informationsaustausch. Das Printmedium Zeitung dagegen fordert eine gewisse
Zeit zum Lesen ein und zeigt als bedrucktes Papier Präsenz mit haptischer
Qualität. Aktualität und augenblickliche Vergänglichkeit in Inhalt und Form
bedingen sich gegenseitig und werden in keinem Medium so offensichtlich wie in
der Zeitung.
Faszinierend
ist die Art und Weise, wie Irmgard Potthoff durch die künstlerische
Transformation des Materials die zuvor beschriebenen inhaltlichen Komponenten
in einen autonomen und vieldeutigen Wirklichkeitsgehalt überführt, der
insbesondere die kognitive und emotionale Ebene des Menschen anspricht. Der
ursprüngliche Daten- und Faktenträger "Zeitung" evoziert un
in den Arbeiten Irmgard Potthoffs Wahrgenommenes und Assoziiertes im Bereich
subjektiver Erinnerungen und Erfahrungen und erhält somit eine über die reinen Tatsachen weit
hinausreichende Dimension, die jenseits sprachlicher Ausdrucksformen liegt. Dabei
nutzt die Künstlerin alle Möglichkeiten, die mit der Stofflichkeit des
Materials verbunden sind. Aus Streifen gerissen, zu Schnüren gedreht, aufgerollt, gespannt oder verwoben
entstehen raumgreifende, transparente Installationen oder skulpturale Objekte.
Ehemalige Schlagzeilen und Berichte oder Fotos werden im gedrehten Faden
gleichsam archiviert. Sie tauchen, dem Zufallsprinzip unterworfen, in neuem Sinnzusammenhang,
fragmentarisch und bruchstückhaft an der Oberfläche auf als vereinzelte
Worte, Buchstaben oder Farbflächen und
geben den Arbeiten einen ganz eigenen Farbklang und eine besondere ästhetische
Komponente. Eigens für die Ausstellung im Kunstverein Münsterland hat
Irmgard Potthoff eine große Installation aus Papierschnüren in der
Ausstellungshalle platziert. Die rhythmisch fein austarierte, auf die örtliche
Gegebenheit des Kunstvereins Münsterland zugeschnittene Installation erfährt
eine räumliche Erweiterung, wenn sich an den Wänden die inneren dynamischen Bewegungen
der Arbeiten als Schattenspiel fortsetzen. Die gesamte Installation wird von
einem harmonischen Spiel von Leichtigkeit und Schwere, von Ruhe und Bewegung, dichter
Konzentration und Auflösung, Licht und Schatten getragen. Diese Arbeit steht im
Zentrum der Ausstellung und wird durch weitere kleinere Wandarbeiten ergänzt.
Jutta Meyer
zu Riemsloh