Beobachtungen über die pompeianische Farbe
Der Kunstverein Münsterland e.V. will seinen Besuchern einen spannungsreichen Querschnitt durch das aktuelle Kunstgeschehen bieten. Neben der Präsentation nationaler und internationaler KünstlerInnen sowie dem Aufzeigen junger Nachwuchstalente sollen auch herausragende ProtagonistInnen der regionalen Kunstszene Geltung erlangen. In 2004 werden somit Bilder der in Dülmen ansässigen Künstlerin Gaby Lepper-Mainzer (geb. 1956) gezeigt. Die Arbeit der Künstlerin vollzieht sich in formalen und thematischen Zyklen, die ihr jeweiliges Thema - ob nun die menschliche Figur, Landschaft, Architektur oder kunsthistorische Zitate - sorgfältig und systematisch ausgearbeitet und variiert. Wesentliche Inspiration erhält Gaby Lepper-Mainzer durch ihre ausgedehnten Reisen zu Orten kunst- und kultur-historischer Bedeutung. Die Bilder entstehen dabei nicht unterwegs, vor den aufgesuchten und aufgespürten Motiven selbst, sondern sie bringt ihre Eindrücke in Form von Fotografien, Skizzen und Zeichnungen mit ins Atelier, wo die Motive dann sorgsam analysiert, strukturiert und in thematischer Reihung in ihre eigene Bildsprache umgesetzt werden. Auf diese Weise hat sie sich bisher u.a. mit der Formensprache des spanischen Architekten Gaudi, mit Aspekten der Renaissance und der Klassischen Moderne, mit den Stadtbildern von Paris, Venedig und Münster, mit Bach'scher Orgelmusik sowie mit Baumberger Sandstein auseinandergesetzt. Ihrem neuesten Arbeitszyklus gibt Gaby Lepper-Mainzer den Titel: "Beobachtungen über die pompeianische Farbe". Bei einem Besuch der Villa Farnesina in Rom hinterließen dessen Fresken einen nachhaltigen Eindruck bei ihr. Reisen nach Herkulaneum, Sperlonga, Neapel und Pompeji folgten. Auch hier waren es vor allem die Fresken, die ihre Aufmerksamkeit erregten. Die 2000 Jahre alten Farbschichten sind authentische Zeugnisse einer längst vergangenen Welt. Sie lassen Vergänglichkeit beinahe körperlich greifbar erscheinen, wirken wie tastbar und anschaulich gemachte Zeit. Die Künstlerin trägt zunächst freie, informelle Farbflächen auf die Leinwand auf. Stellenweise bedient sie sich offener Pigmente, die eine poröse, beinahe reliefartige Oberfläche ergeben. Dominierten in ihren Gemälden bis-her immer Blau- und Grüntöne, die eine eher distanzierte und reflektierte Rezeption ihrer Motive nahe legten, so konzentriert sie sich nun erstmals auf Rot- und Orangetöne, die den Bildern eine expressive Ausstrahlung verleihen. Pompeianisches Rot, aufblätterndes Braun und Ocker nehmen Bezug auf die Fresken und wiederspiegeln in ihren Schattierungen und Differenzierungen Vergänglichkeitsprozesse. Horizontale Linien werden zur Gliederung der Leinwand - ähnlich wie Friese und Gesimse auf einer Wand - eingebracht, klassische Ornamente unterteilen und strukturieren die Fläche. Teils transparente Farbschichten und Lasuren, die die Komposition der Linien und Ornamente akzentuieren, teilweise auch wieder überdecken, verschmelzen das Bild zu einer harmonischen Einheit. Die Leinwände wachsen aus einer Komposition übereinandergelegter Farbschichten, die informelle Farbflächen, abstrakte Linien und Ornamente sowie gegenständliche Fragmente miteinander verbinden oder "verfugen". Wie die pompeianischen Fresken lassen die Bilder in ihren transparenten Schichten, in ihren aufbrechenden Pigmenten und ihrer antiken Ornamentik Zeit und Vergänglichkeit beinahe plastisch greifbar werden.
Reinhard Hellrung
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