Erinnerungen
nachzuspüren ist ein komplexer und weitreichender Prozess. Die Vergangenheit
als reale Größe verliert im Laufe der Zeit ihre Gültigkeit: Sie existiert
schließlich bewusst oder unterbewusst in der Erinnerung, individuell und nach
den jeweiligen Dispositionen des sich Erinnernden verändert. Erinnerungen sind
der Vergängnis ausgesetzt, bis sie in anderen Zusammenhängen zu einem neuen
Leben erweckt werden. Sie lassen sich speichern, mittels technischer Medien,
als Dokumentation eines speziellen Augenblicks. Sie erfahren aber auch eine
mentale Wiederbelebung. Diese Bilder entstehen dann im Kopf und sind anders als
beispielsweise die des Fotoalbums. Nicht dokumentierte Erinnerungen verweben sich
mit anschaulichem Material, mit nicht selbst Erlebten, zu einem individuellen
Flashback.
Eva Schwabs
künstlerisches Werk thematisiert diese innere Zwiesprache und Suche nach den
imaginären Bildern der Innerlichkeit. Auslöser sind zumeist Fotografien aus
ihrem biografischen und persönlichen Umfeld. Im Archiv der Künstlerin befinden
sich alte Familienfotos, eigene Schnappschüsse, anvertraute Fotos „gefundener
Familien“, wie Eva Schwab sie bezeichnet, aber auch Flohmarktfundstücke mit
Wiedererkennungswert. Dazu zählen beispielsweise Abbildungen von Menschen in
burgenländischer Folkloretracht. Obgleich persönlich unbekannt, knüpfen sie
familiäre Bande neu, bringen die Vergangenheit in die Gegenwart. Stellvertreter
anderer Biografien ergänzen und bauen die Biografie der Künstlerin aus, als
Bereicherung und im Selbstverständnis einer universellen Familie. Dieser
persönliche Fundus bedeutet für Eva Schwab zunächst Grundlagenforschung und
initiiert komplexe gedankliche Prozesse - Erinnerungsarbeit.
Die
malerische Umsetzung von Fotografien und inneren Bildern im Werk Eva Schwabs gleicht
einen Transformationsprozess, bei dem die Fragen nach dem Woher und Wohin im
Vordergrund stehen. Die Rekonstruktion der Vergangenheit lässt längst
Vergessenes an die Oberfläche treten und evoziert Fragen: Warum berührt mich
das Foto? Was sind das für Bilder in mir, die infolge dessen entstehen? Was
passiert und welche Bedeutung hat es für die Gegenwart? Die Wahrnehmung wird
zum Auslöser, Unbewusstes in das Bewusstsein fließen zu lassen. Bilder, Gefühle
und Erkenntnisse entstehen durch Introspektion der Psyche.
Im
künstlerischen Schaffensprozess stellt sich für Eva Schwab gleichzeitig auch
die Frage nach der Authentizität von Erinnerungen: Bedeutet das Foto die
Erinnerung an einen bestimmten Augenblick, habe ich ihn wirklich so erlebt oder
sind die Bilder der Vergangenheit Erinnerung geworden.
Das ausgewählte
Motiv wird zum Auslöser eines inneren Diskurses, bei dem eine eigene Sicht auf Ereignisse
hinzugefügt und Schwerpunkte durch die Künstlerin gesetzt werden. Die
Konfrontation mit „Wiedergängern“, wie Eva Schwab die Wiederbegegnung mit
Menschen bezeichnet, die die selbst erlebte Geschichte in ähnlicher Weise mit
sich tragen, entwickelt sich, neben den Fotografien in verstärktem Maße zu einem
selbständigen Sujet in ihren Arbeiten. Gerade in den neueren Papierarbeiten
nimmt in Folge dessen die Nähe zur Fotovorlage ab. Die Bilder erlangen einen
größeren Freiheitsgrad, bedeuten eine malerische Weiterentwicklung. Neu ist der
sich erweiternde Spielraum und die Öffnung für Surreales, Fantastisches und Unterbewusstes.
Die gleichzeitige Direktheit in Bezug auf die Auseinandersetzung mit dem gewählten
Fotomotiv geht dabei nicht verloren.
Das
Hochzeitsbild der Großmutter, der Flohmarktfund eines Fotos einer älteren Frau
in Tracht, die reale Begegnung mit Menschen im Burgenland - vertraut und mit
großer Selbstverständlichkeit spielt Eva Schwab beispielsweise mit dem Motiv
der Folklore und präsentiert sich selbst im Portrait „Festtagsdirndl, 2009“ in
traditioneller Kleidung und Frisur. Auch in der Arbeit „Siggi, 2008“,
vermischen die Biografien des Großvaters Friedrich Schwab und Friedrich von
Gans. Bezüge des Titels zur Person Siegmund Freuds sind gewollt. Die Anlehnung
der Malerei an eine Fotografie impliziert das Abbild eines realen Momentes zu
sein. Der Schein trügt. denn die dargestellte Person tritt uns als
„Wiedergänger“ entgegen, austauschbar als Vertreter einer universell
aufgefassten Persönlichkeit und Biografie, stellvertretend für eine vergangene
Zeit.
Reales,
Assoziiertes und Erinnertes fügt sich zu einematmosphärischen Bildraum zusammen im Grenzbereich zwischen Realität und
Auflösung. Erlebte Momente überlagern sich mit Erinnerungen und Erlebnisse der
Künstlerin sowie unseren eigenen. Wandlung und Erkenntnis erschließen sich
durch Überlappung verschiedener Ebenen und schafft eine dichte Atmosphäre in
den Bildern Eva Schwabs. Malerei wird zum Ausdruck subjektiven, innersten Empfindens
mit großem analytischem Potenzial.
Konsequenterweise
verändern die neuen Gewichtungen auch die konzeptuell angelegte Doppelung der
Arbeiten als Abbild und Nachbild. Über Jahre hinweg hatten diese eine konkrete
Form. Nun kommen die Nachbilder weitaus malerischer daher und entziehen sich
der Doppelung. Sie avancieren zum Solitär. Im kurzen Augenblick, wenn ein
Blitzlicht das Auge trifft, entstehen vor dem inneren Auge in Komplementärfarbe
Nachbilder. Als unscharfe, zerfließende Halbschatten stehen sie konträr den Kernschatten
entgegen, die mit scharfer Kontur komplett im Dunkeln liegen. Diese übernehmen
als „Nachbilder“ ebenfalls eine sinntragende Rolle in den Arbeiten Eva Schwabs.
Die Künstlerin bezieht sich dabei auf Platons Höhlengleichnis. Schatten
simulieren Wirklichkeit und sind Abbildungen des wahren Seins. Nicht das
offensichtlich sinnlich Wahrnehmbare der uns unmittelbar umgebenden Welt, sondern
das, was dahinter steht, bringt eigentliche Erkenntnis. In „Fastnacht“
beispielsweise werden die Schatten zum Träger inhaltlicher Aussagen. Düster und
unwirklich ist die Stimmung und atmosphärische Landschaft, die die Badenden
umgibt. Schlierenhaft lösen sich Konturen in der Spiegelung des Wassers auf. Im
malerischen Kodex der Schatten im Hintergrund verbergen sich narrative Ansätze,
die Freiraum für eigene individuelle Erinnerungen, ein Spiel mit Assoziationen
zulassen, Wiederbegegnungen und Erkenntnisse ermöglichen.
Eva Schwab
stellt die Frage nach der Authentizität des Wahrgenommen nicht nur an sich
selbst, sondern auch an den Betrachter. Schatten als bildnerische Elemente sind
als Hinweis zu verstehen, wohin die Suche gerichtet ist, die Wirklichkeitssuche
und das Ausfindig machen des Menschen an sich. Es geht der Künstlerin um die
eigene Biografie, jedoch beispielhaft, um Biografien anderer auf die Spur zu
kommen, im Verständnis eines kollektiven Gedächtnisses, eines Erinnerungsfundus.
Eva Schwabs Bilder werden zum Zeugnis unterschiedlicher Generationen,
entwickeln sich thematisch aus dem persönlichen Anliegen ins Universelle. Sie
sind als politische und soziologische Gesamtchronik zu verstehen.