Wiedergänger

Erinnerung, sprich

 

Vladimir Nabokov

 

 

Erinnerungen nachzuspüren ist ein komplexer und weitreichender Prozess. Die Vergangenheit als reale Größe verliert im Laufe der Zeit ihre Gültigkeit: Sie existiert schließlich bewusst oder unterbewusst in der Erinnerung, individuell und nach den jeweiligen Dispositionen des sich Erinnernden verändert. Erinnerungen sind der Vergängnis ausgesetzt, bis sie in anderen Zusammenhängen zu einem neuen Leben erweckt werden. Sie lassen sich speichern, mittels technischer Medien, als Dokumentation eines speziellen Augenblicks. Sie erfahren aber auch eine mentale Wiederbelebung. Diese Bilder entstehen dann im Kopf und sind anders als beispielsweise die des Fotoalbums. Nicht dokumentierte Erinnerungen verweben sich mit anschaulichem Material, mit nicht selbst Erlebten, zu einem individuellen Flashback.

 

Eva Schwabs künstlerisches Werk thematisiert diese innere Zwiesprache und Suche nach den imaginären Bildern der Innerlichkeit. Auslöser sind zumeist Fotografien aus ihrem biografischen und persönlichen Umfeld. Im Archiv der Künstlerin befinden sich alte Familienfotos, eigene Schnappschüsse, anvertraute Fotos „gefundener Familien“, wie Eva Schwab sie bezeichnet, aber auch Flohmarktfundstücke mit Wiedererkennungswert. Dazu zählen beispielsweise Abbildungen von Menschen in burgenländischer Folkloretracht. Obgleich persönlich unbekannt, knüpfen sie familiäre Bande neu, bringen die Vergangenheit in die Gegenwart. Stellvertreter anderer Biografien ergänzen und bauen die Biografie der Künstlerin aus, als Bereicherung und im Selbstverständnis einer universellen Familie. Dieser persönliche Fundus bedeutet für Eva Schwab zunächst Grundlagenforschung und initiiert komplexe gedankliche Prozesse - Erinnerungsarbeit.

 

Die malerische Umsetzung von Fotografien und inneren Bildern im Werk Eva Schwabs gleicht einen Transformationsprozess, bei dem die Fragen nach dem Woher und Wohin im Vordergrund stehen. Die Rekonstruktion der Vergangenheit lässt längst Vergessenes an die Oberfläche treten und evoziert Fragen: Warum berührt mich das Foto? Was sind das für Bilder in mir, die infolge dessen entstehen? Was passiert und welche Bedeutung hat es für die Gegenwart? Die Wahrnehmung wird zum Auslöser, Unbewusstes in das Bewusstsein fließen zu lassen. Bilder, Gefühle und Erkenntnisse entstehen durch Introspektion der Psyche.

Im künstlerischen Schaffensprozess stellt sich für Eva Schwab gleichzeitig auch die Frage nach der Authentizität von Erinnerungen: Bedeutet das Foto die Erinnerung an einen bestimmten Augenblick, habe ich ihn wirklich so erlebt oder sind die Bilder der Vergangenheit Erinnerung geworden.

 

Das ausgewählte Motiv wird zum Auslöser eines inneren Diskurses, bei dem eine eigene Sicht auf Ereignisse hinzugefügt und Schwerpunkte durch die Künstlerin gesetzt werden. Die Konfrontation mit „Wiedergängern“, wie Eva Schwab die Wiederbegegnung mit Menschen bezeichnet, die die selbst erlebte Geschichte in ähnlicher Weise mit sich tragen, entwickelt sich, neben den Fotografien in verstärktem Maße zu einem selbständigen Sujet in ihren Arbeiten. Gerade in den neueren Papierarbeiten nimmt in Folge dessen die Nähe zur Fotovorlage ab. Die Bilder erlangen einen größeren Freiheitsgrad, bedeuten eine malerische Weiterentwicklung. Neu ist der sich erweiternde Spielraum und die Öffnung für Surreales, Fantastisches und Unterbewusstes. Die gleichzeitige Direktheit in Bezug auf die Auseinandersetzung mit dem gewählten Fotomotiv geht dabei nicht verloren.

Das Hochzeitsbild der Großmutter, der Flohmarktfund eines Fotos einer älteren Frau in Tracht, die reale Begegnung mit Menschen im Burgenland - vertraut und mit großer Selbstverständlichkeit spielt Eva Schwab beispielsweise mit dem Motiv der Folklore und präsentiert sich selbst im Portrait „Festtagsdirndl, 2009“ in traditioneller Kleidung und Frisur. Auch in der Arbeit „Siggi, 2008“, vermischen die Biografien des Großvaters Friedrich Schwab und Friedrich von Gans. Bezüge des Titels zur Person Siegmund Freuds sind gewollt. Die Anlehnung der Malerei an eine Fotografie impliziert das Abbild eines realen Momentes zu sein. Der Schein trügt. denn die dargestellte Person tritt uns als „Wiedergänger“ entgegen, austauschbar als Vertreter einer universell aufgefassten Persönlichkeit und Biografie, stellvertretend für eine vergangene Zeit.

Reales, Assoziiertes und Erinnertes fügt sich zu einem  atmosphärischen Bildraum zusammen im Grenzbereich zwischen Realität und Auflösung. Erlebte Momente überlagern sich mit Erinnerungen und Erlebnisse der Künstlerin sowie unseren eigenen. Wandlung und Erkenntnis erschließen sich durch Überlappung verschiedener Ebenen und schafft eine dichte Atmosphäre in den Bildern Eva Schwabs. Malerei wird zum Ausdruck subjektiven, innersten Empfindens mit großem analytischem Potenzial.

 

Konsequenterweise verändern die neuen Gewichtungen auch die konzeptuell angelegte Doppelung der Arbeiten als Abbild und Nachbild. Über Jahre hinweg hatten diese eine konkrete Form. Nun kommen die Nachbilder weitaus malerischer daher und entziehen sich der Doppelung. Sie avancieren zum Solitär. Im kurzen Augenblick, wenn ein Blitzlicht das Auge trifft, entstehen vor dem inneren Auge in Komplementärfarbe Nachbilder. Als unscharfe, zerfließende Halbschatten stehen sie konträr den Kernschatten entgegen, die mit scharfer Kontur komplett im Dunkeln liegen. Diese übernehmen als „Nachbilder“ ebenfalls eine sinntragende Rolle in den Arbeiten Eva Schwabs. Die Künstlerin bezieht sich dabei auf Platons Höhlengleichnis. Schatten simulieren Wirklichkeit und sind Abbildungen des wahren Seins. Nicht das offensichtlich sinnlich Wahrnehmbare der uns unmittelbar umgebenden Welt, sondern das, was dahinter steht, bringt eigentliche Erkenntnis. In „Fastnacht“ beispielsweise werden die Schatten zum Träger inhaltlicher Aussagen. Düster und unwirklich ist die Stimmung und atmosphärische Landschaft, die die Badenden umgibt. Schlierenhaft lösen sich Konturen in der Spiegelung des Wassers auf. Im malerischen Kodex der Schatten im Hintergrund verbergen sich narrative Ansätze, die Freiraum für eigene individuelle Erinnerungen, ein Spiel mit Assoziationen zulassen, Wiederbegegnungen und Erkenntnisse ermöglichen.

 

Eva Schwab stellt die Frage nach der Authentizität des Wahrgenommen nicht nur an sich selbst, sondern auch an den Betrachter. Schatten als bildnerische Elemente sind als Hinweis zu verstehen, wohin die Suche gerichtet ist, die Wirklichkeitssuche und das Ausfindig machen des Menschen an sich. Es geht der Künstlerin um die eigene Biografie, jedoch beispielhaft, um Biografien anderer auf die Spur zu kommen, im Verständnis eines kollektiven Gedächtnisses, eines Erinnerungsfundus. Eva Schwabs Bilder werden zum Zeugnis unterschiedlicher Generationen, entwickeln sich thematisch aus dem persönlichen Anliegen ins Universelle. Sie sind als politische und soziologische Gesamtchronik zu verstehen.

 

Jutta Meyer zu Riemsloh