whodun(n)it

Ein wesentlicher Bestandteil der künstlerischen Projektarbeit von Karin Geiger und Christoph Staude für den Terminal am Flughafen Münster/Osnabrück besteht darin, die Phänomenologie des Ortes und seine einzigartige psychologisch-emotionale Wirkungsintensität in Zusammenhang mit dessen funktionaler Bestimmung bewußt erlebbar zu machen. Gelenkt wird der Blick und damit die Aufmerksamkeit eines jeden Passagiers, der sich in dem abgeschlossenen Wartebereich aufhält, auf vermeintlich Nebensächliches, Abseitiges, das Ungesehene im Wust der uns umgebenden Bilder, Ungehörtes im Kosmos der permanent auf uns einströmenden Töne, Klänge und Geräusche. Der Warteraum wird erlebbar als Ort der Kontemplation, des vereinbarungsgemäßen Stillstandes von Raum und Zeit, des Übergangs, der erzwungenen Distanz zum Alltäglichen und einer von äußeren Wirkungsfaktoren maßgeblich bestimmten Reglementierung der persönlichen „Eigenzeit“ eines jeden Fluggastes, als Ort der Sehnsucht, der Erinnerung sowie der Langeweile und einer diktierten Zeitverschwendung. Umgeben von einer Hülle aus schalldichtem Glas, prägen hauptsächlich visuelle Eindrücke die intendierte Vermischung von Innen und Außen. Von sämtlichen Störgeräuschen nahezu ausgeschlossen nimmt der Passagier teil am Starten und Landen der Flugzeuge und einer auf dem Rollfeld herrschenden Betriebsamkeit.

Im Vergleich zur allgemein zugänglichen Besucherhalle verfügt der für die künstlerische Installation von Karin Geiger und Christoph Staude ausgewählte Bereich über ein ausgesprochen nüchternes, von klarer Funktionalität getragenes Ambiente. Hier finden sich weder überdimensionale Werbebanner, noch die bunten Kojen diverser Reiseanbieter oder der übliche farbenfrohe Erlebnispark für Fluggäste mit Kindern. Statt dessen sieht sich der wartende Passagier mit einem einheitlichen, anonymen Mobiliar konfrontiert, das nur wenig Platz für kurzweilige Ablenkung oder Zerstreuung bietet. Der Warteraum unterliegt einzig dem Zweck, den Übergang, das Überqueren räumlicher und zeitlicher Begrenztheit mit Bequemlichkeit und Komfort zu begleiten. Mit seiner klaren Gliederung wird er so zu einem Ort, an dem sich alles auf die Motivation des zeitweiligen Verweilens - eines von vornherein intendierten Verlassens - fokussiert.

Karin Geigers Videoinstallation „whodun(n)it“ - der Titel verweist auf den Plot eines Kriminalstücks - setzt auf eine extreme Verlangsamung und Konzentration der Wahrnehmung. Das Dargestellte ist dabei fast ebenso banal wie von einer fesselnden und tiefgründigen Intensität geprägt. Als bewegtes Bild führt die künstlerische Darstellung ein Doppelleben im Grenzbereich zwischen filmisch bewegter Innovation und eingefrorener fotografischer Starre.

Umgeben von fast völliger Dunkelheit blickt ein statisches Kameraauge mit leichter Aufsicht auf den rückwärtigen Garten eines alleinstehenden Einfamilienhauses. Sparsam erhellt wird die nächtliche Szenerie durch einen Halogenstrahler, der über einen Bewegungsmelder aktiviert wird. In unregelmäßigen Abständen lösen vorbeieilende Tiere den Mechanismus aus, der die zeitlose Abgeschiedenheit und Stille des Ortes für einen kurzen Moment unterbricht und einen Teil des nächtlichen Gartens in ein fast unwirklich-helles Licht taucht. Zwischen diesen szenischen Abläufen versinkt das Alltagsstück wieder in seine ursprüngliche Bewegungslosigkeit.

Lediglich das grelle Aufflackern des Fernsehers, die umherstreifenden Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos oder das Licht im Wohnzimmer verraten dem Kameravoyeur Details über das gefilmte Objekt. Momente der Veränderung - eingeleitet von Tieren, die durch das Bild laufen - setzen für wenige Sekunden eine Art erleuchtetes Bühnengeschehen in Gang, das kurze Zeit später wieder in tiefschwarzer Nacht versinkt. Mit sparsamsten Mitteln wird der Alltag in Szene gesetzt, eigentlich Banales erhält plötzlich eine rätselhaft-kryptische Bedeutungstiefe. Der vom Erscheinen und Verschwinden der Bilder getragene Erzählrhythmus folgt hier jedoch keiner einheitlich narrativen, d.h. chronologischen Struktur, sondern die Dramaturgie erhält ihren besonderen Takt durch zufällige Begebenheiten, die sich im Netz der zeitbedingten Dauer zu einer anhaltenden Aktualisierung des jeweils Vorhergehenden verknüpfen.

Mit einfachen poetischen Bildern erzählt die Künstlerin im Grenzbereich zwischen Fiktion und dokumentarischer Beschreibung den Beginn einer Geschichte, die sich im Kopf des Betrachters weiterspinnt, ohne jemals an ein wirkliches Ende zu gelangen. Karin Geigers Vorgehen entspricht der Absicht, zeitgenössische dokumentarische Protokolle zu erstellen. Ihre Bildwelt liefert dem Rezipienten ein Gefäß, das im filmischen Ablauf der Bilder Platz für die eigene Gedankenwelt schafft und sich somit für die vielfältigsten individuellen Assoziationen öffnet. Spannungsvolle Ruhe und impulshaft aufflackernde Bewegungen sind die prägenden Konstanten dieser Videoinstallation, die damit der hektischen Betriebsamkeit des Flughafenverkehrs wirksam entgegentritt und den Betrachter zu einer Unterbrechung seiner gewohnten Handlungsmuster auffordert.

Ein weiterer Bestandteil der künstlerischen Intervention im Flughafenterminal ist neben der Videoarbeit Karin Geigers eine Klangcollage des Komponisten Christoph Staude. Staudes Klangarbeit „Zwischenzustand“ führt den aufmerksamen Zuhörer in das Dickicht unterschiedlicher Erlebnisräume und Erfahrungsebenen. Dabei ist Staudes Komposition zu keinem Zeitpunkt als bloße Illustration des Videobildes zu werten. Vielmehr führt sie ein Eigenleben als selbstständiges Hörstück, das sich gleichberechtigt mit der Arbeit von Karin Geiger der Aufgabe einer Wahrnehmungssensibilisierung an diesem Ort stellt.

Musikalische Sequenzen innerhalb der komplexen Kompositionsstruktur wirken wie ferne Echos, wie in Klänge und Töne übertragene Erinnerungen an einen plötzlich sehr fremden und doch merkwürdig vertrauten Ort, von dessen Eigenklang sich der Künstler inspirieren ließ.

Staudes künstlerischer Beitrag besteht einerseits aus aufgefangenen Fremdtönen und andererseits aus mit „herkömmlichen“ Instrumenten wie Klavier, Cello oder Viola selbst eingespielten Klangfragmenten, die zu einem dichten Netz aus Alltagsgeräuschen, kurzen Improvisationen, Flugzeuglärm und Gesprächsfetzen versponnen werden. Das gesammelte Material wird mittels Computertechnologie verfremdet, abrupte Übergänge zwischen den verschiedenen „musikalischen“, klangtechnisch aufbreiteten Intarsien werden miteinander verschliffen, Klangebenen werden übereinandergeblendet und die aus unterschiedlichen Kontexten eingebrachten Geräusche als Duett inszeniert. Sparsam eingebrachte Klaviertupfer, das Streichen des Bogens über die Saiten und den Steg eines Cellos lassen als klangliche Versatzstücke einen atmosphärischen, von spannungsreichen Tempiwechseln geprägten Klangraum entstehen, der kraftvoll eingesetze Klangkulisse ebenso kennt wie ein fast vollständiges Verstummen der Töne. Es ist der Raum zwischen den Klängen, der von vibrierenden Spannungsbögen geradezu aufgeladen scheint und der Komposition eine besondere, vom virtuosen Einsatz verschiedener Klangstärken durchsetzte Dynamik verleiht. Eine fast kammermusikalische Intimität kulminiert im nächsten Moment zu einer Öffnung des Klangraums unter Einbindung von fremdartigen, an Orten des rasanten öffentlichen Lebens wie Bahnhöfe, Wartehallen und Unterführungen eingefangenen Geräuschen. Die Phantasie des Zuhörers wird beim Hören der Komposition auf eine imaginäre Reise geschickt, die von den eng gesteckten Grenzen eines von minimalistischer Transparenz und Klarheit getragenen Klangraums bis zu Weite undefinierbar vielschichtiger Klanglandschaften reicht.

Ähnlich wie Karin Geigers Videodramaturgie folgt auch Christoph Staudes Intervention keiner eindimensionalen narrativen Struktur. Sein Stück ist von Brüchen, dem Vor- und Zurücktreten einzelner Klangfragmente geprägt. Die vom Künstler zusammengefügten Klangstrukturen folgen zwar einer inneren Logik und Dramaturgie, trotzdem verfügt Staudes Stück weder über einen eigentlichen Anfang noch ein definitives Ende, da es sich endlos auf der akustischen Kreisbahn einer Compaktscheibe (CD) bewegt. Die von ihm gewählte Form ist offen und trägt sich damit prinzipiell weiter im geistigen Raum des Zuhörers. Mit traumhaft gesteigerter Intensität dringen den wartenden, in sich versunkenen oder mit allerlei Ablenkungen beschäftigten Passagieren Klänge zu Bewußtsein, die an dem ausgesetzten Ort als fremd erscheinen. Durcheinanderfahrende Geräusche einer laut deklamierenden Menschenansammlung, Motorenlärm überfliegender Düsenjets oder das Klingeln eines Handys erscheinen an einem Ort umso unwirklicher, der ansonsten eine von jeglichem Lärm abgeschiedene Existenz führt.

Als Fremdklänge in einen Raum - den Wartebereich des Flughafenterminals - projiziert, führt deren Wahrnehmung zur fruchtbaren Irritation der scheinbar gültigen Ortsgewißheit und zu einem bewußteren Erleben der von persönlichkeitsferner Dauermusik und maschinell wiederholten Lautsprecherdurchsagen geprägten Umgebung.

Uwe Schramm

zurück zu Archiv