Die Ironisierung des Kalküls

„Kleine Stücke

Anders als es der Titel von Bernd Damkes aktueller Werkgruppe vielleicht vermuten läßt, handelt es sich bei den „Kleinen Stücken“ nicht einfach um eine untergeordnete künstlerische Randerscheinung innerhalb eines größeren, bereits etablierten malerischen Ouevres. Als Produkte einer malerischen Forschung zeugen diese kleinformatigen Bildwerke vielmehr von Damkes tiefgreifender Auseinandersetzung mit den kategorialen Bestimmungen des künstlerischen Bildbegriffs und dessen ästhetischen Dimensionen, also von Fläche, Farbe und deren Verbindung zum Umfeld, zum Raum.

An Stelle des sonst gebräuchlichen Leinwandformats verwendet der Künstler bei seinen neuen Arbeiten handelsübliche MDF-Platten, die in kompakter oder auch in zusammengesetzter Form zu variablen Bildträgern verarbeitet werden. Mit ihrer präzisen Kantenführung und einer makellos geglätteten Oberfläche wirken diese Flächenformen fast wie ausgestanzte, maschinell hergestellte Formteile, die den rohen Charme eines anonym gefertigten Industrieproduktes und dessen eigentümliche Materialästhetik in den optisch wirksamen Spielraum der Malerei überführen. Geradezu demonstrativ verläßt Damke mit diesen Arbeiten die Proportionen eines einheitlichen, rechtwinkelig organisierten Bildfeldes, um sich unregelmäßigen Flächenformen als bevorzugten Trägerelementen für seine sparsamen farbigen Setzungen zuzuwenden. Der Umriß dieser geformten Trägerelemente folgt nur bedingt den Vorgaben einer strengen geometrischen Ordnung, das heißt die rechtwinkelige Form wird nur als eine von mehreren unterschiedlichen Möglichkeiten toleriert, einen klar überschaubaren Flächenzusammenhang herzustellen. Weitere Möglichkeiten, dem Bildfeld eine differenzierte Form zu geben, bestehen in der Abschrägung von vormals geradlinigen Kantenverläufen und dem Zusammenfügen von Flächen unterschiedlicher Gestalt und Größe. Im Vergleich zu einem rechtwinkelig organisierten Bildfeld gewinnt hier die Bildgestalt durch den Einsatz von Kanten und Schrägen eine besondere Dynamik. Unweigerlich fährt der Blick des Betrachters an den Kanten des Bildträgers entlang, stellt Zusammenhänge her zwischen den einzelnen Flächensegmenten und erlebt das optische Wirkungspotential dieser Werke in bewegter Annäherung. An Stellen, wo der Künstler zwei Flächen aufeinanderstoßen läßt und sich daraus eine zusammenhängende Trägerform ergibt, finden sich kleinere Absätze und spitz hervorstehende Ecken, die den einheitlichen Umriß unterbrechen und für eine reizvolle Ironisierung des von rationalem Kalkül getragenen konstruktiven Vorgehens des Künstlers sorgen. Entscheidend für die optische Wirksamkeit dieser Bildwerke ist das dialogische Miteinander von Farbe und gestalteter Form, von gemalter und tatsächlich gegebener Fläche. Der Einsatz der Farbe beschränkt sich hier allein auf präzise Setzungen, die einzelne Flächen innerhalb des Bildfeldes definieren. Deren einseitig abgeschrägter Umriß widersetzt sich der rechtwinkeligen Kantenführung und damit der tatsächlich gegebenen Form des Trägerelements und bedingt die Wirksamkeit von optischen Irritationen im Hinblick auf die unumstößliche Stabilität der materiellen Form. Gemalte Linienverläufe antworten mit konträrer Richtungsverläufen auf materiell vorhandenen Abschrägungen und Verschiebungen der rechtwinkeligen Gestalt. So verharrt die Malerei in einem prekären Balanceakt zwischen dem Ausgleich und Wirken der Kräfte und Gewichte.

In Arbeiten, in denen große Bereiche der ursprünglich gegebenen Trägerfläche von der Farbe ausgespart bleiben oder von zwei Farbflächen eingegrenzt werden, erwachsen aus dem virtuosen Spiel mit positiven und negativen Darstellungswerten entscheidende Konsequenzen für die räumliche Präsenz dieser Arbeiten. Diese Ambivalenz des Figur-Grund-Verhältnisses bedingt verschiedene Lesarten der malerischen Gestaltung. Denn Damkes bereits beschriebener Verzicht auf das strenge rechtwinkelige Format birgt neben den Konsequenzen für das Ausdrucksvokabular Bedeutungsaspekte, die insbesondere bei der Frage nach der künstlerischen Identität seiner Arbeiten eine besondere Relevanz besitzen. Seine „Kleinen Stücke“ besitzen weder Rahmen noch ähnliche bildbegrenzende Motive. Die Farbe wird über die Kanten des materiellen Bildträgers hinweggeführt. Dadurch erklärt der Künstler den gesamten Umraum zum eigentlichen Bezugspunkt dieser Bildwerke und siedelt ihren Erscheinungscharakter in einem Zwischenreich zwischen Bild und Objekt an. Auf diese Weise erscheint die Wand als der eigentliche Bildträger eines geformten und bemalten Objektes, das sich damit als Teil des gesamten Umraumes definiert und mit sämtlichen in ihm existierenden Dingen in Zusammenhang gerät. Das herkömmliche, auf wechselnder Annäherung und Distanz beruhende Verhältnis zwischen Bild und Betrachter ist hier völlig aufgegeben zugunsten einer unmittelbaren Verräumlichung der objekthaften Gestalt.

Ähnliche Kategorien betreffen auch Bernd Damkes vergleichsweise schmales skulpturales Werk, das sich konsequenterweise aus seinen formalästhetischen Überlegungen herleitet. Das bereits in seinen Bildwerken zu beobachtende kombinatorische Prinzip bei der Herstellung von Formzusammenhängen gewinnt hier ebenfalls eine gestaltbestimmende Relevanz. Auch hier sind einelne farblich gestaltete Elemente auf eine farbige Trägerfläche aufgebracht. Als unregelmäßig gestaltete Flächen, Scheiben oder Quader ragen sie über deren Umriß hinaus und nehmen damit den gesamten Umraum als formalen Bezugspunkt für sich in Anspruch. Bereits unter diesen Gesichtspunkten drängt sich ein Vergleich zu Damkes „Kleinen Stücken“ geradezu auf, was darauf hindeutet, daß Damkes skulpturales Schaffen aus seinen malerischen Untersuchungen heraus erwachsen ist und so keineswegs auf Abwegen entstanden sind. Damkes „Kleine Stücke“ zeigen einmal mehr, daß der Sinn von Malerei sich nicht mehr oder nicht nur um große „erzählerische“ oder geistige Inhalte dreht, sondern um die Möglichkeiten und Grenzen des eigenen Mediums kreist. Bernd Damkes malerische Selbstbefragung liefert in dieser Hinsicht bemerkenswert vielfältige Aufschlüsse.

Uwe Schramm

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