Ein Kunstprojekt auf den
Spuren des Coesfelder Wappentieres
Geschichtliche
Informationen zu den Standorten:
Ochse: „Auf
Ochse!“
Kunstverein Münsterland
Vor
11 Jahren traten die Gründungsmitglieder zum ersten Mal auf dem Alten Hof
Herding in Coesfeld-Lette zusammen, um auf Initiative der Ernsting Stiftung den
Kunstverein Münsterland e.V. zu konstituieren. Vom ersten Tag an bis heute,
wird der Kunstverein Münsterland von bürgerlichem Engagement, ehrenamtlicher
Tätigkeit und der Begeisterung für die zeitgenössische Kunst getragen. Der
Kunstverein Münsterland zählt seit seiner Gründung 1998 zu den Kunst- und Kulturinstitutionen
in Coesfeld. Er widmet sich der Aufgabe, aktuelle Positionen der
Gegenwartskunst einem breiten Publikum zu vermitteln.In 5 bis 6 Ausstellungen pro Jahr unterstützt
und fördert der Kunstverein Münsterland insbesondere freischaffende zeitgenössische
Künstler. Seit Januar 2002 hat der Kunstverein Münsterland ein eigenes Kinder-
und Jugendprogramm. Neben einem vielfältigen Kursangebot wird Kindern und
Jugendlichen mitten in den aktuellen Ausstellungen sowie im hauseigenen Atelier
Freiraum geboten, das Gesehene und Erlebte kreativ zu erfahren. Der Kunstverein
Münsterland pflegt ebenso rege Kontakte zu Schulen und anderen
Bildungseinrichtungen, um frühzeitig an das aktuelle Kunstgeschehen
heranzuführen und damit Schwellenängste abzubauen.
Auf der Grundlage der
Coesfelder Stadtgeschichte ist das Kunstprojekt des Kunstvereins Münsterland
„Auf Ochse!“ für Schüler und junge Erwachsene entstanden, das Geschichte
erlebbar macht und ein kreatives Forum bietet. An verschiedenen attraktiven und
historisch relevanten Stellen in der Stadt stehen künstlerisch gestaltete
Ochsen auf Sockeln und laden zum Rundgang durch die Stadt ein. Dieses Projekt
findet in Kooperation mit der Stadt Coesfeld und zahlreichen Partnern aus
Kultur, Bildung und Wirtschaft statt.
Ochse: "Carne Vale"
Di-La Hei - Coesfelder Karneval und Natz
Thier
Das Hinterhaus der
alten Zinngießerei Thier in der Pfauengasse bestand in seiner Grundsubstanz
schon im 17. Jahrhundert. Es ist eingeschossig aus Backsteinen errichtet und
hat ein Satteldach. Dieses Gebäude ist wohl das letzte Nebengebäude eines
Bürgerhauses, das in Coesfeld vorhanden ist. Heute beherbergt das Haus ein
Werkstattlädchen der Behindertenwerkstatt Haus Hall und eine Gedenkstätte des
Mundartdichters Natz Thier, der in dem Haupthaus an der Letter Straße groß
wurde.
Bernhard
(Natz) Thier(* 1886 in Coesfeld, †
1957), Heimatfreund und -dichter, Oberregierungsbaurat in Köln, schrieb in
Niederdeutscher Sprache (Platt).
Natz
Thier prägte den ersten Coesfelder Karnevalsumzug und die Gründung der
Di-La-Hei. Wir schreiben das Jahr 1934, "Carne Vale!" Nimm Abschied
vom Fleisch. Es war jahrhundertelang Brauchtum in Westfalen gewesen, die
Fastenzeit durch große Feste und Feiern einzuläuten, die zunächst im Rahmen von
Nachbarschaften, später auch öffentlich gepflegt wurden. Vereine übernahmen
dafür gewöhnlich die organisatorische Leitung. An jenem 20. Februar - es war
der Fastnachtsdienstag - trafen sich die Bürgerschützen und
Junggesellenschützen Coesfelds zu ihrem traditionellen Fastnachtsfrühschoppen.
Anwesend war auch der damals in Köln tätige Reichsbahnrat Natz Thier, der durch
seine Heimatdichtkunst jedem Coesfelder ein Begriff war. Ob von vornherein die
Durchführung eines Umzuges durch Coesfeld geplant war, verschweigt die
Geschichtsschreibung des ersten Chronisten Heinrich Fritzen. Tatsache ist jedoch,
dass sich im Laufe des Frühschoppens eine fantastische Stimmung entwickelte,
die den Aufenthalt in der Traditionsgaststätte Kiffmeyer mit einem Zug durch
die Gemeinde beenden ließ. Eine geradezu magischen Anziehungskraft muss von
diesem Bild und der launevollen Fröhlichkeit aller Beteiligten ausgegangen
sein, schlossen sich doch immer neue Zuschauer als Mitläufer an, bis
schließlich die Straßen Coesfelds voller Menschen waren. Vorne weg Natz Thier
auf einem Bierfass thronend. Die Breitenwirkung der Idee forderte endlich ihre
ordentliche Vereinsgründung am 11. März 1936. Die Di-La-Hei Coesfeld wurde im
Westfälischen Hof gegründet.. Natz Thier war Motor der KG und Vertreter der
ganz besonderen Wesensart des Westfälischen Karnevals. "Coesfeld, du Hort meiner
Jugend und Freuden, einmal im Jahr, da muß ich dich seh´n...! (1936) wird heute
noch zu vielen Anlässen, auch außerhalb des Karnevals gesungen. Natz Thier war
19367 und 1937 Prinz der Di-La-Hei und gleichzeitig ihr Präsident.
Quelle:
Dr. August Hülsmann, Heft der Di-La-Hei 2000
Ochse: "Cash Cow" - Zollstation Süringtor
Coesfeld
- Westfälische Hansestadt – Bündnisse im Binnenland
Im Zuge
der Kolonisation entwickelten sich ab dem 13. Jh. entlang der Ostseeküste neue
Handelspunkte (Wismar, Rostock, Stralsund, Danzig etc.). Wie schon in Lübeck
siedelten sich auch in diesen Städten viele westfälische Kaufmannsfamilien an.
Diese stammten ursprünglich aus den etablierten Zentren Soest, Dortmund und
Münster sowie aus dem ostwestfälischen Raum (u. a. Herford, Lemgo, Minden,
Nieheim, Paderborn, Warburg) und dem weiteren Münsterland (u. a. Coesfeld,
Warendorf). Damit trugen Westfalen erheblich dazu bei, dass der Handel über die
Ostsee weiterhin Fahrt aufnahm.
Der Austausch von Waren wurde freilich nicht nur mit Hilfe von Koggen – also
über den Seeweg – abgewickelt; erst mit dem Landhandel gelangten die Güter von
der Küste in die Binnenstädte und von dort aus weiter in die umliegenden
Regionen. Für die westfälischen Städte "...war der Handel mit der
unmittelbaren Umgebung von hoher Bedeutung. Die heimatliche Region war für jede
Stadt ein wichtiger Abnehmer ihrer Überschusserzeugnisse sowie der aus der
Ferne herbeigeschafften Produkte" (Gurk 2000, S. 19). Mit der Zeit
entwickelte sich in Westfalen ein dichtes Netz aus Handelsorten, von denen sich
1246 Münster, Osnabrück (damals zu Westfalen), Minden, Herford und Coesfeld zu
einem ersten Bündnis, dem sog. Ladbergener Städtebund, zusammenschlossen.
Sieben Jahre später folgte der "Werner Bund", bestehend aus Soest,
Dortmund, Münster und Lippstadt. Dies war der Anfang einer westfalenweiten
Allianz von Städten, die ab Mitte des 14. Jh.s zusammen mit weiteren regionalen
Bündnissen in der Städtehanse aufging.
Wenngleich viele der westfälischen Bündnismitglieder bei weitem nicht die
Bedeutung der großen Handelszentren an den Küsten besaßen, so hatte Westfalen
mit rund 80 der Hanse zugehörigen Städten bzw. Ortschaften als Region großen
Einfluss auf wirtschaftspolitische Entscheidungen.
Coesfeld band sich ein in die wirtschaftlichen
Haupthandelswege seiner Zeit.Über Dülmen, Lüdinghausen, Lünen erhielten Coesfelder
Kaufleute Anschluss an Dortmund und damit an die Hellweg-Achse, über Borken
erschlossen sich die rührigen Händler den Niederrhein und Köln. Bekannt sind
Verbindungen nach Bremen als Ausgangspunkt für die Bergenfahrer und über Rheine
Richtung Emden als mittelbarer Seezugang.
Offenbar spielte Coesfeld entweder als
landwirtschaftliches und in diesem Fall besonders als Zentrum der
Viehproduktion eine Rolle oder es gab einen bedeutsamen Handel mit Vieh, die
aus den west-, ost- und nordfriesischen Zuchtgebieten stammten und auf den
Weiden der Bürger oder Viehhändler auf dem Weg in die rheinische Metropole Köln
mit ihrer stets vorhandenen Nachfrage zwischengemästet wurden.
Wenn
Fremdochsen, also aus anderen Region in die Stadt kamen, mussten sie am
Süringtor Zoll bezahlen. Dort befand sich eine Zollstation. Im Keller des
Weinhauses Dienihghoff sind noch historische Zeugnisse für die Einforderung von
Zoll erhalten.
Quelle: KREIS COESFELD, Laumann-Verlag Dülmen,
Alfred Kröner Verlag Stuttgart
Ochse:" Old MacDonald"
Schlachthof Borkener Straße
Im Zuge
der allgemeinen Hygienebewegung hatte sich in Deutschland seit Mitte des 19.
Jahrhunderts die Anschauung durchgesetzt, dass eine obligatorische
Fleischbeschau durch Tierärzte die von verdorbenen oder mit Trichinen
befallenem Fleisch ausgehenden Gesundheitsgefahren bannen könnte. Auch in
Coesfeld ging die Initiative zur Errichtung eines Schlachthofes von der Stadt
aus, die gesundheitspolitische Erwägungen in den Mittelpunkt stellte. Im Dezember
1892 beauftragte Bürgermeister Meyer den Dortmunder Ingenieur Carl Kniebühler
und den Architekten H. Höffken mit der Projektierung und Bauleitung eines
Schlachthofes samt Dienstwohnung für den Verwalter. Um einige Richtzahlen für
die Dimensionierung der Anlage zu geben, teilte Meyer mit, dass die 10 in
Coesfeld tätigen Metzger im Jahresdurchschnitt 648 Rinder, 1010 Kälber, 752
Schweine, 165 Schafe und Ziegen sowie 25 Pferde schlachteten. Zum Transport des
Fleisches benutzten die Metzger vorzugsweise Pferde, gelegentlich auch
"Hunde, weshalb für die Unterbringung derselben Vorkehrungen zu treffen
sind". Da keine Wasserleitung vorhanden war, machte Meyer auf die
Notwenigkeit aufmerksam, eine Brunnenanlage vorzusehen. Demgegenüber sicherte
er den Anschluss des Schlachthauses an die städtische Gasversorgung zu.
Allerdings nahm die Stadt vom Einbau einer Kühlanlage, der wichtigsten
technischen Modernisierung am Ende des 19. Jahrhunderts, einstweilen Abstand,
wenngleich die Raumverhältnisse den späteren Einbau zulassen sollten.
Das
Schlachthaus, dessen Gesamtkosten ca. 92 000 Mark betrugen, wurde am 25. Januar
1894 feierlich eröffnet. Damit bestand aber auch die Plicht, die bestehenden
Privatschlachtanlage, die geschlossen werden mussten, zu entschädigen. Die Zahl
der Schlachtungen erreichte umgehend das vorgesehene Niveau.
Die
regelmäßigen Überprüfungen des Coesfelder Schlachthauses durch vorgesetzte
Behörden brachten immer wieder Unregelmäßigkeiten und Hygieneversäumnisse ans
Licht. Im Juli 1902 bemängelte Kreistierarzt Banniza, dass
Schlachthausverwalter Friedrich Meuter die Untersuchung auf Rinderfinnen
unsachgemäß und damit fehlerträchtig durchführe. Darüber hinaus beklagte der
die Lagerung von z. T. in Verwesung übergegangenen Kadavern oder Tierteilen in
der Schlachthalle. Den ironischen Rat, ein Schlachthaus solle sicherlich nicht
die Stelle einer Abdeckerei übernehmen, wollte Meuter verständlicherweise nicht
annehmen und rechtfertigte sich damit, dass er in beiden Fällen auf Anweisung
gehandelt habe.
Nach den
alliierten Bombenangriffen vom 21.3.1945 war der Schlachthof stark in
Mitleidenschaft gezogen. Erst im März 1953 nahmen die Pläne zur Errichtung
eines Kühlhauses konkrete Pläne an. Die verspätete Modernisierung war
symptomatisch für die Schattenexistenz des kommunalen Schlachthofes. Der Trend
zur Zentralisierung in industriell geprägten Großschlachthöfen untergrub dem
städtischen Wirtschaftsbetrieb der Ernährungshygiene allmählich den Lebensnerv.
Der Entschluss des Stadtrates, den städtischen Schlachthof zum 1. November 1972
zu schließen, versetzte einem tradierten kommunalen Institut den überfälligen
Todesstoß. Dienstleistungsunternehmen, wie die Firma Westfleisch, übernahmen an
anderer Stelle wirtschaftlicher und effizienter die Funktionen dieses Segments
der Kommunalwirtschaft.
Quelle:
Coesfeld 1197 bis 1997, Beiträge zu 800 Jahren städtischer Geschichte, Bd. 2,
Ardey Verlag Münster 1999.
Darin:
Manfred Grieger und Markus Lupa: Rundum versorgt. Die städtische
Versorgungswirtschaft.
Ochse: "Ochs
Bacon" - Marktplatz
Familie Rulle - älteste
Handwerksfamilie Nordrhein-Westfalens
Im Jahr
1580 entschloss sich der Coesfelder Landwirt Rulle, ein Teil seines Hofes zu
einem Ladenlokal umzubauen. Daraus sollte sich die bedeutendste Schlachterei
Coesfelds entwickeln, deren Spezialität Westfälischer Knochenschinken war und
die bis zum Jahre 2000 auf eine über 400 Jahre alte Familientradition
zurückblicken kann. Das Geschäft wurde immer wieder vom Vater auf den Sohn
übergeben.
Das
Stammhaus befand sich auf der Letter Straße, heute "Ihr Platz". Eine
Filiale befand sich auch am Marktplatz, heute "Genießerei". Ein
Firmenschild ist noch am Durchgang zur Evangelischen Kirche erhalten.
Das
Schlachtvieh, Rinder und Schweine, kamen direkt aus Coesfeld und Umgebung und
wurde sozusagen "am Strick" zur Schlachterei Rulle geführt. Neben den
lokalen Landwirten und Händlern, war auch die Zusammenarbeit mit jüdischen
Viehhändlern aus Coesfeld sehr eng und vertrauensvoll. Die jüdischen Händler
durften nur die Vorderviertel der Tiere verkaufen, da diese koscher waren.
Quelle:
Stefan Rulle, Brauhaus Stephanus
Ochse "Cosmo" -
Lambertikirche
Votivtafeln
Eine Votivgabe (von lat. „votum“: Gelübde)
ist der künstliche oder natürliche Gegenstand, den der Votant gemäß einem
Gelübte („ex voto“) an heiliger Stätte als Zeichen des Dankes für die Rettung
aus einer Notlage darbringt. Vom Gebetunterscheidet sich die Votation durch das Versprechen und schließlich
durch die Darbringung einer Gabe. Der Vorgang gleicht einem Rechtsakt: Erfüllt
die eine Seite die Bitte, muss die andere ihre Leistung in Form eines Votivs
erbringen. Im Christentum gibt es Votivbrauchtum seit den Anfängen. Zur
reichsten Entfaltung kam es in der Barockzeit, als auch die Wundergläubigkeit
ihren Höhepunkt erreichte. In der Kirche von Gräbern in Kärnten wurden eiserne
Votivgaben auch in Form von nachgebildeten Extremitäten und eines Rinderpaares
gefunden. Gemälde und andere flächige Kunstwerke werden als Votivbilder
bezeichnet, für dreidimensional gestaltete Gegenstände ist die Bezeichnung Gebildvotiv
üblich. Die Lambertikirchengemeinde ist im Besitz einer Votivtafel, die als
Dankgabe für gesundes Vieh gegeben wurde. In der Vitrine im Kircheninneren ist
eine Votivtafel ausgestellt.
Ochse "Globe Trotter"
Viehtor
Das 13. und 14.
Jahrhundert zeigt Coesfeld in reger Tätigkeit, das äußere Bild der Stadt zu
formieren. So entstehen, durch Berkel, Honigbach, Wahrkampbach, Brinkerbach und
Lilienbecke gespeist, der Stadtgraben, eine kräftige Mauer, die zusätzlichen
Schutz bietet, und fünf Tore, die die Zufahrtswege in die Stadt absichern. Das
schönste Tor der Stadt war das Münstertor. Im Süden lag das Letter Tor, nach
Westen das Süringtor, im Norden das Viehtor, und am Einfluß der Berkel in die
Stadt das Walkenbrücker Tor. Das Viehtor wurde 1320 erbaut. Von dort aus
führten die Wege nach Rheine und Ahaus.
Durch das
Viehtor wurde das einheimische Vieh zu den Märkten in die Stadt getrieben.
Durch das Süringtor kam übrigens das Fremdvieh, das verzollt werden musste, in
die Stadt.
Die Stadt Coesfeld
entwickelte sich vom 13. bis 15. Jahrhundert zu einem blühenden Ort des
Handwerks und des Handels. Durch das streng geregelte Zunftwesen, in Verbindung
mit der Hanse, erwuchs der Stadt die Möglichkeit, Handel weit über die
Regionalgrenzen hinaus zu treiben. Handelsverbindungen von Nowgorod bis London
und von Bergen bis Köln zeigen schon damals europäisches Format.
Im Zuge
der Kolonisation entwickelten sich ab dem 13. Jh. entlang der Ostseeküste neue
Handelspunkte (Wismar, Rostock, Stralsund, Danzig etc.). Wie schon in Lübeck
siedelten sich auch in diesen Städten viele westfälische Kaufmannsfamilien an.
Diese stammten ursprünglich aus den etablierten Zentren Soest, Dortmund und
Münster sowie aus dem ostwestfälischen Raum (u. a. Herford, Lemgo, Minden,
Nieheim, Paderborn, Warburg) und dem weiteren Münsterland (u. a. Coesfeld,
Warendorf). Damit trugen Westfalen erheblich dazu bei, dass der Handel über die
Ostsee weiterhin Fahrt aufnahm.
Der Austausch von Waren wurde freilich nicht nur mit Hilfe von Koggen – also
über den Seeweg – abgewickelt; erst mit dem Landhandel gelangten die Güter von
der Küste in die Städte und von dort aus weiter in die umliegenden Regionen.
Für die westfälischen Städte "...war der Handel mit der unmittelbaren
Umgebung von hoher Bedeutung. Die heimatliche Region war für jede Stadt ein
wichtiger Abnehmer ihrer Überschusserzeugnisse sowie der aus der Ferne
herbeigeschafften Produkte" (Gurk 2000, S. 19). Mit der Zeit entwickelte
sich in Westfalen ein dichtes Netz aus Handelsorten, von denen sich 1246
Münster, Osnabrück (damals zu Westfalen), Minden, Herford und Coesfeld zu einem
ersten Bündnis, dem sog. Ladbergener Städtebund, zusammenschlossen.
Coesfeld band sich ein in die wirtschaftlichen Haupthandelswege
seiner Zeit.Über
Dülmen, Lüdinghausen, Lünen erhielten Coesfelder Kaufleute Anschluss an
Dortmund und damit an die Hellweg-Achse, über Borken erschlossen sich die
rührigen Händler den Niederrhein und Köln. Bekannt sind Verbindungen nach Bremen
als Ausgangspunkt für die Bergenfahrer und über Rheine Richtung Emden als
mittelbarer Seezugang.
Zu regem Handelstreiben erwachte
die Stadt besonders an den seit undenklichen Zeiten statt findenden
Wochenmärkten montags und donnerstags. Dazu wurden noch vier Hauptjahrmärkte
abgehalten, von denen der Ursulamarkt noch heute die Tradition fortsetzt. In
diesem Zusammenhang ist das Recht der Stadt Coesfeld zu nennen, Kupfermünzen
prägen zu dürfen, 24 Schillinge auf einen Reichstaler.
Quelle: KREIS COESFELD,
Laumann-Verlag Dülmen, Alfred Kröner Verlag Stuttgart
Ochse:
"Usse Ossen" - Walkenbrückenstrasse
Jüdischer
Viehhandel in Westfalen
Juden
hatten sich beruflich über Jahrhunderte hauptsächlich auf den Handel
konzentriert... weil sie durch Einschränkungen der Behörden und der
christlichen Zünfte von den meisten Berufen ausgeschlossen waren. Da sie nur
Fleisch von rituell geschlachteten Tieren verwenden durften, wurde ihnen die
Ausübung des Metzgerhandwerks unter besonderen Auflagen erlaubt. Hinzu kam der
Handel mit lebendem Vieh, besonders mit Pferden und Rindern; er war für die
jüdischen Menschen auf dem Lande traditionell der wichtigste Erwerbszweig. Die
steigende Nachfrage nach Fleisch sorgte für ein ständiges Wachsen dieses
Marktes.
Trotz
der einsetzenden Landflucht und vieler Aufstiegsmöglichkeiten blieben die
meisten Juden im ländlichen Westfalen kleine Händler. Sie spielten aber weiterhin
eine zentrale Rolle im Viehhandel. Noch 1920 wurden zum Beispiel circa 60 % der
Viehhandelsgeschäfte von jüdischen Händlern betrieben.
Die Berufserfahrungen wurden von
Generation zu Generation weitergegeben. Jüdische Viehhändler hatten sich ein fundiertes
Wissen angeeignet, besaßen besondere Kenntnisse bei der Beurteilung von Vieh
und galten fachlich als sehr qualifiziert. Der hohe eigene Kundenstamm zeugt
von einer über Generationen hin aufgebauten guten Vertrauensbasis, die sie mit
den christlichen Bauern hatten. Die Händler berieten ihre Kunden zugleich in
Fragen des Anbaus und der Tierhaltung.
Das Haus Walkenbrückenstraße 30,
ein sogenanntes Dielenhaus, war ehemals im Besitz einer jüdischen
Händlerfamilie. Es ist in seiner Grundstruktur erhalten und restauriert. Es
wurde in Coesfeld als "Ackerbürgerhaus" bezeichnet. Dieser
Wohnhaustyp hat sich aus dem frühneuzeitlichen Dielenhaus des 16. und 17.
Jahrhunderts entwickelt. Die Diele war zu dieser Zeit ein wichtiger Wohn- und
Verkehrsraum und bildete den wichtigsten Wohnraum im münsterländischen
Bürgerhaus. In der niedrigen Abseite befanden sich kleinere Kammern und
Wohnräume. In der älteren Zeit könnten sich hier seitlich der Diele auch
Stallungen für das Vieh befunden haben. Im "Ackerbürgerhaus" lag
hinter dem großen Dielentor zur Straße hin eine Wirtschaftsdiele und eine seit
dem 17. Jahrhundert abgetrennte Wohnküche mit einem offenen Wandkamin. Das Haus
Walkenbrückenstraße 30 wurde um 1860/70 unter Verwendung älterer Bauteile als
vermutlich letztes Dielenhaus in Coesfeld erbaut.
Quelle. Coesfeld
1197 - 1997; Beiträge zu 800 Jahren städtischer Geschichte; Ardey Verlag
Münster, 1999
darin:
Andreas Eiynck: Das Bürgerhaus in Coesfeld - Wohnbauten des Mittelalters und
der frühen Neuzeit
Ochse:
"Ochs-Couture"
Lederfabrik Vissing am
Walkenbrückentor
Um 1806
erwarb der Lohgerber Engelbert Vissing Teile des 1803 aufgelösten Klosters
Marienbrink und richtete in den alten Klostergebäuden eine Lederfabrik ein.
Der
Industrialisierungsprozess war mit enormen Belastungen für die Umwelt
verbunden. Eines der größten Probleme war die Gewässerverunreinigung. Die
Berkel unterhalb von Coesfeld war schon seit den 1860er Jahren durch die
organischen und anorganischen Abwässer der Lederfabrik Vissing und der
Stoffdruckereiund -färberei Crone
verschmutzt. Um 1882 beschwerten sich die Einwohner aus Stockum über die
Schmutzfracht des Flusses. Der Bestand westlich von Coesfeld sei fast
vernichtet, der Graswuchs auf Weiden und Wiesen bedeutend geschädigt und das
Vieh tränke das Berkelwasser nur bei großer Hitze und sei dann der Gefahr des
Krepierens ausgesetzt. Der Landrat ergänzte, dass das Wasser oft tagelang eine
schwarzen Färbung erhielt und schwarzer, stinkender Schlamm sich am Ufer
absetzte. Laboranalysen ergaben, dass die Abwässer und damit das Flusswasser
wegen ihres hohen Gehaltes an giftigen Metallen für das Vieh, die Fische und
landwirtschaftlichen Zwecke höchst schädlich sei. Bis 1907 war die Berkel
inzwischen auf der ganzen Strecke zwischen Coesfeld und Gescher blau oder
schwarz gefärbt.
20 Jahre
dauerte die Kontroverse zwischen dem Lederfabrikanten Vissing und den
staatlichen Aufsichtsbehörden. Streitpunkt waren die zu kleinen und
mangelhaften Senkgruben zur Klärung der Abwässer. Ungeklärtes Wasser drang in
den Boden oder wurde direkt in die Berkel geleitet. Die Existenz städtischer
Waschplätze war gefährdet. Seit 1860 versuchte der Coesfelder Landrat und die
Regierung Münster durch Überprüfungen, Vorschläge für geeignete Maßnahmen und
Fristsetzungen für ihre Umsetzung, durch die Festlegung von Strafgeldern und
schließlich durch die Androhung der Betriebsstilllegungden Betreiber der Lohngerberei zu
wirkungsvollen Klärmaßnahmen zu zwingen. Vissing verwies seinerseits auf die
positiven Auswirkungen seines Wirtschaftsbetriebes auf den Arbeitsmarkt der
Stadt. Bei einer Fortführung der Zwangsmaßnahmen sehe er sich genötigt, sein
Geschäft zu schließen und seine Arbeiter zu entlassen. Erst als Vissing den
Eindruck hatte, dass die Schließung seines Betriebes kurz bevor stand, reichte
er 1888 den vollständigen, formgerechten Antrag auf Erteilung der Konzession,
der offenbar seit längerer Zeit fertig in seiner Schublade gelegen hatte, beim
Landrat ein.
Anfang
des 20. Jahrhunderts stellte die Firma Vissing die Lederfabrikation ein.
Quelle:
Coesfeld 1197 - 1997, Bd. 1
Beiträge
zu 800 Jahren städtischer Geschichte
Ardey
Verlag Münster, 1999
darin
Bernd Walter: Coesfeld im Zeitalter der Hochindustriealisierung (1860 - 1918)
3 Ochsen:
"Landleben"
Wiese Promenade,
Gesundheitsamt, Pulverturm
Um die
Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in zahlreichen Städten Krankenhäuser,
deren Bettenzahl zwischen zwanzig und vierzig lag, unter anderem auch in
Coesfeld. Bei diesen Einrichtungen konkurrierten die Stadt, die Kirche und
private Wohltätigkeit. Die Krankenhäuser wurden durch milde Stiftungen der
Städte und Eingesessenen errichtet und weiter gefördert, in erster Linie zur
Aufnahme einheimischer Kranker aller Konfessionen.
1844 kamen
Initiativen zur Errichtung eines Krankenhauses in Coesfeld unter der Leitung
der "Barmherzigen Schwestern" auf. In Coesfeld trat 1849 ein
Neun-Männer-Komitee in Aktion und verabschiedete einen Staatsentwurf zur
Einrichtung des St. Vincentius Krankenhauses, der vom Bischof von Münster
genehmigt wurde. Nach dem Statut sollten arme einheimische Kranke kostenfrei,
Begünstigte und Auswärtige gegen Entgelt aufgenommen werden. Die Oberaufsicht
hatte der Bischof von Münster. 1849 wurde ein Haus mit Wirtschaftsgebäuden und
Garten zum Preis von zweitausend Talern gekauft. Das für dreißig Personen
eingerichtete Haus war durchschnittlich mit 20 Betten belegt. Die
Privateinnahmen betrugen 1125 Taler. Einnahmen aus dem Vermögen 34 Taler. An
Ausgaben fielen an: Aufwendungen für Verpflegung und Unterstützung in Höhe von
912 Talern, Kosten der Verwaltung in Höhe von 111 Talern.
Insgesamt
war das St. Vincentius Krankenhaus eine selbständig wirtschaftende Einrichtung.
Auf der gegenüberliegenden Seite vom Pulverturm betrieb das Krankenhaus eine
Weidewirtschaft. Die Wiesen gehörten zum Krankenhausareal. Das dort grasende
Vieh, auch Ochsen, wurde für die Verpflegung der Kranken gehalten und gemästet,
um sie später zu schlachten. Außerdem wurden für die Kranken im Krankenhaus-Garten
Gemüse und Kräuter angebaut.
Quelle: Coesfeld 1197 - 1997, Bd. 1
Beiträge
zu 800 Jahren städtischer Geschichte
Ardey
Verlag Münster, 1999
darin:
Peter Burg: Coesfeld im Aufbruch (1813 bis 1860): Die ersten Jahrzehnte der
preußischen Kreisstadt