Album
Ausgangspunkt für Andreas Kaisers Rauminstallation „Album“ im Kunstverein Münsterland ist die Biographie der in Los Angeles lebenden jüdischen Exilantin Manya Breuer. Als Manya Hartmeyer verließ die heutige amerikanische Staatsbürgerin im Alter von 16 Jahren auf der Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime Berlin. Sie folgte ihrem Vater, der die Stadt nach der Reichsprogromnacht verlassen hatte und in einem italienischen Altersheim überlebte. Eine abenteuerliche Flucht führte sie über Belgien, Frankreich und Italien. Versteckt in einem Kloster, erlebte sie 1944 die Befreiung durch die amerikanischen Truppen in Rom. Auf Einladung Präsident Roosevelts fuhr Manya Breuer nach Amerika und wurde, nach 18-monatigem Aufenthalt in einem Übergangslager, Amerikanerin. Ihre Mutter, die sie 17 Jahre vorher in Frankreich aus den Augen verloren hatte, sah sie durch Zufall in einer amerikanischen Fernsehshow wieder.
Manya Breuers Lebensgeschichte nimmt Andreas Kaiser zum Aufhänger und knüpft mit subtil in den Raum eingebrachten Versatzstücken ein dichtes Netz aus assoziationsreichen Bezügen, die sich über die individuelle Biographie hinaus mit Generalthemen des menschlichen Lebens beschäftigen. Im Zentrum des Ausstellungsraums steht ein begehbarer Kubus aus leeren Zeitungsseiten. In diesem befindet sich ein rotierender Diaprojektor, der eine europäische Landkarte auf Spiegelscherben projiziert. Fragmentarisch aufgesplittert, werden somit Teile dieser Karte auf die Innenwände des Kubus geworfen. Dem optischen Zerfall der Topographie entspricht auf inhaltlicher Ebene der Verlust an heimatlicher Verbundenheit und Identität. Ferner sind Auszüge eines Interviews, das Andreas Kaiser mit Manya Breuer in Los Angeles geführt hat, zu hören. Darin erzählt die Exilantin Stationen ihres bewegten Lebens. Wer Anteil an dem erzählten Leben nehmen will, muss sich dazu auf ein altes Sofa setzen und sein Ohr an die Lehne pressen. Mechanisch in Bewegung gesetzte Seiten aus dem Poesiealbum Manya Breuers geben Einblicke in Kinder- und Jugendzeit seiner Besitzerin. Ihr Leben ist Seite um Seite aufschlagbar und kann anhand der Einträge ihrer Freunde und Verwandten partiell rekonstruiert werden. In den sehr persönlichen Widmungen ist das Umfeld des Mädchens und Teenagers zu greifen. Das Album war das einzige Erinnerungsstück, das der späteren Exilantin auf ihrer Flucht quer durch Europa blieb.
Andreas Kaisers Installation „Album“ holt die Individualität Manya Breuers zurück und erzählt zugleich große, für das 20. Jahrhundert prägende existenzielle Themen. Reflexionen über Trauer, Angst und Verlust, Gewalt und Vertreibung, Emigration und Exil, Hoffnung und zerstörte Träume, Lebensentwürfe und Illusionen, erlittene und erlebte Geschichte(n), verlorene und wiedergefundene Zeit werden angestoßen. An die im Raum platzierten Gegenstände können die Betrachtenden ihre eigenen Erinnerungen und Assoziationen knüpfen und die fragmentarisch angedeutete Lebensgeschichte mit ihrer eigenen Geschichte ergänzen. Darüber hinaus versucht die Ausstellung, den Besuchern Anregungen für ein Nachdenken über aktuelle, mit der Globalisierung verbundene Probleme des Identitätsverlusts nicht nur der Flüchtlinge und Migranten, sondern ganzer Städte, Regionen und Länder zu vermitteln.
Uwe Schramm
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