Orte und Unorte
Mit seiner aktuellen Ausstellung präsentiert der Kunstverein Münsterland e.V. Zeichnungen der in Berlin lebenden Bildhauerin Andrea Zaumseil (geb. 1957). Das Zeichnen dient der Künstlerin weder zur Anfertigung von Vorstudien, noch der graphischen Erprobung von später ins Dreidimensionale überführten Gestaltungsideen. Die Zeichnungen sind vielmehr Ausdruck einer künstlerischen Imagination, die sich aus dem Traum, dem Unaussprechlichen, der bildlosen Realität undurchdringbarer, zwischen andeutungsweiser Verdichtung und schemenhafter Auflösung balancierender Denkräume speist. In der Realität finden Andrea Zaumseils Bildfindungen nur bedingt konkrete Entsprechungen. Wohl aber wecken die Zeichnungen Assoziationen an gesehene oder erdachte Welten, an fast Vergessenes, verblaßte Erinnerungen, an Bereiche des Übergangs und der Metamorphose, an denen nichts festgeschrieben ist. Einsame, von Furchen, trichterförmigen Mulden und weichen Hügeln überzogene „Wundlandschaften“, tiefschwarze Strudel, die mit unwiderstehlichem Sog den Blick des Betrachters in sich einsaugen. Schwindelerregende Naturgewalten, die jede Distanz zwischen der künstlerischen Darstellung und dem Betrachter vergessen machen und ihn unausweichlich mit der existenzbedrohenden Kraft aufgewühlter Wellenformationen konfrontieren. Seine gewohnte Distanz zum Bild schwindet nahezu vollständig mit dem selbstvergessenen Eintauchen der Blicke in die verschwommenen Bildwirklichkeiten. Zaumseils Darstellungen verweisen stets auf ein über das konkret Wahrnehmbare Hinausweisende, auf Einsamkeit, Gefährdung, Verletzlichkeit, der leichten Zerstörbarkeit und einer potentiellen Bedrohtheit des Lebens. Zu lesen sind ihre Bildfindungen somit immer auch als psychische Realitäten, bildgewordene Metaphern für seelisch-emotionale Zustände. Aus einem Wechselspiel von Licht und Schatten formen sich Orte des Flüchtigen und der Vergänglichkeit, surreale Topographien grenzenloser Unbestimmtheit, die den Blick ins Bodenlose ziehen und den Betrachter mit einem dauerhaften Zweifel an der schlüssigen Gewissheit des eigenen Standpunktes konfrontieren. Die dunkle Ortlosigkeit ihrer „Landschaften“ bietet dem Auge weder Halt noch Bestätigung des ohnehin Gewußten. Statt dessen wird jede Selbstverständlichkeit als trügerische Stütze der Erkenntnis entlarvt. Zurück bleibt ein vager Zweifel an der geglaubten Eindeutigkeit alles Gesehenen.
Uwe Schramm
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